Aber nur ohne Ton!

von Bernhard Ubbenhorst -

Haste Töne? Die Liga spielt wieder, zwar nur für's Fernsehen, aber immerhin. Die einen finden es scheiße, die anderen super. Wir liefern die Zwischentöne...

Der Bundesliga-Neustart im sogenannten "Geisterspielmodus" am Wochenende hat für mächtig Aufsehen und Ansehen gesorgt. Zunächst zum Ansehen: Daran hat der deutsche Fußball mächtig gewonnen. Die gesamte Fußballwelt starrt mit Respekt auf diesen Move, unter strengen Sicherheitsvorkehrungen die laufende Saison zu retten. Angesehen haben es auch viele. Sky vermeldete gestern stolz die Einschaltquotenrekorde des Spieltag-Samstages. Demnach sahen sich allein 2,45 Millionen Deutsche im Free-TV die Spieltagskonferenz an. Hört sich nach viel an, ist es aber gar nicht. Der Tatort bracht es gesternabend beispielsweise auf 9,36 Millionen Zuschauer. Und mit 4 Millionen Zuschauern interessierten sich weitaus mehr auch für ein anderes, bei "Anne Will" diskutiertes Tatortgeschehen, bei dem die angeblich kriminellen Machenschaften und das gesellschaftsbedrohliche Potenzial eines "Bill Gates" in Sachen Corona sowie die ebenfalls bedrohliche Unterwanderung der zahlreichen Hygiene- und sonstigen Bedenkenträger- und Aluhutdemos durch Rechtsradikale im Mittelpunkt standen. 

Das Aufsehen, das diese Demos zurzeit in der medialen Öffentlichkeit erregen, kommt gemessen an der gesamtgesellschaftlichen Relevanz etwas überproportioniert daher. Bei der Diskussion über den Re-Start der Bundesligen verhält es sich genauso. Für die einen können die gesellschaftlichen Lockerungsübungen in Corona-Zeiten gar nicht weit genug gehen und für die anderen stellen die Geisterspiele des Bundesliga-Wochenendes eine verantwortungslose und höchst gesundheitsgefährliche Aufweichung der für alle derzeit geltenden Kontaktbeschränkungen dar. Da werden dann Äpfel mit Birnen verglichen. Fangen wir mit den Äpfeln an. Auf den Demos setzen sich Abertausende risikobereiter Menschen ohne Kontrolle freiwillig selbst einem erhöhten Ansteckungsrisiko aus und riskieren in Massen potenziell auch das Leben anderer. Sie tun es für ihr inneres von Neurosen und Wahn geplagtes Seelenheil. Das sei in Ordnung so und das Demonstrieren ihr gutes Recht, befinden viele. Wir sind freie Bürger in einem freien Land, jedem Tierchen sein Pläsierchen, Grundrechte, Demonstrationsfreiheit und so weiter und so fort. Viele befinden aber auch: Das geht gar nicht und es ist vollkommen verantwortungslos. 

Nun zu den Birnen. Bei einigen hundert jungen, meist steinreichen Fußballspielern, die unter verschärften Quarantänebedingungen und lückenloser epidemiologischer Überwachung ihren Job machen und ein paar Spieltage zuende bringen sollen, ist die öffentliche und mediale Empörung mindestens ebenso groß. Es sei nicht zu vermitteln, dass einerseits Bolzplätze für Kinder gesperrt werden und andererseits die Bundesliga weiterkicken darf. Das etwa gehörte zu den dümmsten Einwänden in dieser Sache. Viel besser waren andere Argumente auch nicht. Der Profifußballer betreibt den Sport als Beruf. Die Aufregung um den Wiederstart der Profiligen passt auch nicht so recht zusammen mit der Tatsache, dass keinesfalls steinreiche Menschen anderer Berufsgruppen unter weitaus riskanteren Umständen jeden Tag gezwungen sind ihrer Arbeit nachzugehen, ohne dass es jemanden juckt. 

Eine deutliche Umfragemehrheit der Deutschen habe sich zuvor gegen die Fortsetzung der Bundesliga-Saison ausgesprochen wurde der Sky-Moderator am Samstag nicht müde, im Interview mit Herrn Watzke aus Dortmund immer wieder zu betonen. Dahinter steht die irrige Annahme, die sich Sky möglicherweise gern zu eigen macht, dass in Sachen Fußball die gesamte Bevölkerung das Marktpotenzial darstellt und an gar nichts anderes denkt. Weit gefehlt. Auch die Fußballverrückten sind in Deutschland in einer kläglichen Minderheit und solche Umfrageergebnisse keinesfalls verwunderlich. Dass diese Minderheit über eine schlagkräftige Lobby zur Durchsetzung ihrer Interessen verfügt, das macht den Unterschied aus. Etwa dreiviertel der Deutschen spricht sich Umfragen zufolge für ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen aus. Eine kleine bescheuerte Minderheit mit Bleifuß reicht schon aus, um das zu verhindern. Was lernen wir daraus? Nur mit Vernunft kommt man in vielen Kontroversen nicht weit. Und mit repräsentativen Umfragen auch nicht viel weiter. So funktioniert Demokratie nicht. Was die statistische Mehrheit will oder nicht will, spielt keine Rolle. 

Auch in meinem persönlichen Umfeld, innerhalb dieser fußballverrückten Minderheit, wurde die Fortsetzung der Bundesligen in Corona-Zeiten kontrovers diskutiert. Mit ihrem Herzensverein VfB Stuttgart auf Tabellenaufstiegsplatz Zwei plädierten nicht wenige für einen sofortigen Abbruch der Saison, verbunden mit dem Einfrieren und Werten der aktuellen Tabelle. Als Schalke-Fan war auch ich diesem mit einem sicheren Startplatz im internationalen Wettbewerb verbundenen Szenario nicht ganz abgeneigt. Nun hat sich diese etwas eigennützige Hoffnung aus der Fan-Perspektive nach dem gerade absovierten Spieltag ohnehin erledigt. Hatte man nach den positiv getesteten Spielern in Dresden noch die klammheimliche Hoffnung, es mögen hier und da noch ein paar dazu kommen, um den Status Quo der Tabelle per Saisonabbruch zu erhalten, wünscht man sich nunmehr noch striktere Quaräntänebedingungen für die gesamte Kickerschaft. Zumindest so lange, bis die Tabellenposition wieder stimmt. 

Doch nun mal im Ernst. Je länger dieser pandemisch bedingte Verzicht auf das Erlebnis Fußball am Wochenende dauerte, desto größer wurde der Phantom-Schmerz in den fußball-amputierten Wohlfühlbereichen meiner Fan-Seele. Ich bin nun wirklich sehr froh, dass wieder gespielt wird - trotz der Diskussion um die gesellschaftliche Vorbildfunktion und die Verantwortung des Fußballzirkus' in Zeiten der Corona-Pandemie, trotz der fragwürdigen, kommerziellen Interessen aller Beteiligten, trotz der vieldiskutierten Frage, ob in einem, mit dem Ruin zahlreicher Vereine verbundenen, Verzicht auf die Fortsetzung der Saison nicht auch die Chance auf einen Neuanfang gesteckt hätte. Was das Durchhaltevermögen  angeht, bin ich vermutlich nicht viel besser als die quengelnden Horden auf den Corona-Demos, die der Ansicht sind, dass die mehr als maßvollen Kontaktbeschränkungen hierzulande für sie auf jeden Fall völlig unzumutbar sind. 

Zumindest verspüre ich der Vernunft geschuldet noch kein Verlangen, alsbald wieder ein Fußballstadion zu besuchen. Mit der sehr gewöhnungsbedürftigen Tonkulisse der im Fernsehen übertragenen "Geisterspiele" komme ich einstweilen bestens klar. Der Trick dabei ist, den Ton der Kommentatoren komplett abzuschalten. Zum einen muss man dann nicht ertragen, dass die Sky-Labertaschen noch mehr labern als sonst, um ihren akustischen "horror vacui" angesichts des leeren Stadions zu therapieren und zum anderen kann man sich voll auf den visuellen Genuß konzentrieren. In der Kreisliga erklärt man den Zuschauern ja auch nicht ständig, was auf dem Platz passiert. Abgesehen von den wenigen, von denen jeder einen kennt, die gern Kommentatoren geworden wären und anderen damit auf die Nerven gehen. Lässt man stattdessen nebenher Musik laufen, ist es ganz so, als ob man in der Fußballkneipe dem Wirt abgerungen hat, ein nicht besonders gefragtes Spiel auf seinem Fernseher zu zeigen und er sagt: "Okay, aber nur ohne Ton!". 

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