Eisen

von Bernd Sautter -

Stadien gelten als legendäre Orte. Doch die Schauplätze der Legendenbildung werden vielfach übersehen. Erst in Vereinsheimen und Kneipen wird Fußball zu etwas Größerem. Zum Beispiel im Eisen. 

Bundesliga ist Mainstream. Die Stromlinie wird geformt von der DFL und ihren Handlangern. Widerstand scheint zwecklos. Viele resignieren. Manche Fans ziehen sich in die Amateurliga zurück, manche wenden sich ganz vom Fußball ab. Kann man so machen. Geht aber auch anders, denn man kann den ganzen Kommerz ignorieren. Dazu muss allerdings die Umgebung passen. Dass die subkulturelle Interpretation der Bundesliga noch funktioniert, lässt sich in Bremen besichtigen: in der Szenekneipe Eisen, im sogenannten Viertel, ganz in Stadionnähe. Im Eisen bleibt jeder Mainstream freiwillig draußen. Einzige Ausnahme: Das sky-Abo ist gebucht. Der Rest ist Punk, Schnaps, Anarchie und Werder.

Eisenhartes Viertel

Um das Eisen zu verstehen, hilft eine kurze Geschichte des Viertels, in dem es sich eingenistet hat. Die Bremer nennen dieses Viertel einfach "Viertel" - und jeder weiß, was gemeint ist. Ein wunderbares Viertel! Altbremer Häuser stehen dicht an dicht. Die verwinkelten Gassen brauchen keine Verkehrsberuhigung, sie haben ja flächendeckend Kopfsteinpflaster. Einige Fassaden lassen ehemaligen Wohlstand vermuten, andere Leerstand. Im Viertel gibt's nichts, was es nicht gibt, außer einfarbige Wände. Graffiti ist so allgegenwärtig wie fünfzigfach überklebte Anschlagflächen. Das Viertel ist die Bremer Variante des Hamburger Schanzenviertel oder dem, was der Berliner Friedrichshain gerne wäre. Es ist hart und bunt, ungeschliffen mit vielen Ecken und Kanten. Eben wie Eisen.

Der rebellische Charakter stammt aus den siebziger Jahren. Damals wollte die Stadt eine breite Trasse durch das Viertel schneiden. Entlang der projektierten Stadtautobahn hatten sogenannte Stadtplaner Hochhausschachteln der schlimmsten Sorte platziert. Bis zu 28 Stockwerke hoch. Aber die Leute stemmten sich mit aller Macht dagegen. Der gemeinsame Feind verbindet. Fernando, der Wirt vom Eisen, sagt: "Seither ist unser Viertel politisiert." Der erfolgreiche Kampf hat viele angezogen, die ähnlich denken. Die Hochhausschachtel gab's nur auf den Modellen der Stadtplaner. Die Realität bleib bunt. Sogar manche Handwerksbetriebe, die anno dazumal das Viertel gründeten, sind noch übrig geblieben. Heute dominieren Secondhandläden, soziale Initiativen und Kneipen. Ach, und nicht zu vergessen: Hinterm Deich an der Weser steht das gleichnamige Stadion.

"Sollbruchstelle" war wohl zu lang. Eisen!

Wer den Fußball liebt, muss sich im Eisen wie zu Hause fühlen. Eisenwirt Fernando hat das Herz am rechten Fleck: dort, wo es grünweiß leuchtet. Rechts neben der Tür hat er einen Thomas-Schaaf-Starschnitt aus einem Poster der Mitgliederwerbung ausgeschnitten. Schaaf zeigt mit fettem Finger auf jeden Gast. Als Fernando 2004 von seiner Münchenreisen mit der Schale zurückkehrte, hat er die ergatterte Pappschale in die Collage eingefügt. Jetzt leuchtet sie als Heiligenschein hinter dem ewigen Werdertrainer. Das Design ist so ikonisch, dass eine Druckerei zwei Straßen weiter die Eisen-Collage auf ihre Hauswand kopiert hat. 

Eigentlich ist Fernando kein Wirt. Hätte er keine Kneipe, vermutlich würde er Bücher schreiben. Über Fußball nach Football Leaks formuliert er trotzig an seinen Verein: "Ich werde Euch weiterhin anfeuern, beim Schlusspfiff Pipi in den Augen haben und vorher vor Ärger meinen Nachbarn die Flanken blau geknufft haben.... Werder. St. Pauli. Freiburg. Frankfurt. Babelsberg. Und so viele andere... Ihr macht das gut. Bleibt stabil!" Seine Kneipe hält Fernando offen für alle, die es als Refugium für ein herzliches Miteinander in rauen Zeiten begreifen. Überflüssig zu erwähnen, dass Rassismus und andere Engstirnigkeiten Hausverbot haben. Alter, Status, Nationalität, Alkoholpegel – vor dem eisernen Tresen spielt das keine Rolle – und das liegt nicht nur am tiefen Kneipennebel, der dafür sorgt, dass man die Leute am gegenüberliegenden Tisch nur noch schemenhaft wahrnimmt. Wir atmen alle die gleiche Luft, und die ist besonders dick, wenn das Werderspiel gerade vorbei ist.

Die bedingungslose Gastfreundlichkeit gilt selbstverständlich auch fußballerisch. Gästefans sind ausdrücklich willkommen, auch in ihren Trikots. Stunk gibt es kaum. Fernando kann sich auf seine Stammgäste verlassen, die noch jeden Versuch eines auswärtigen Brüllaffen, einen auf dicke Hose zu machen, mit einem verbalen Spalier nach draußen gekontert haben. Auch bei überstolzen Werderfans wird mäßigend eingegriffen.

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Nach jedem Spiel ist die Kneipe so voll, dass auf dem Bürgersteig kein Durchkommen ist. Der Kampf an den Tresen lohnt sich. Dort wartet neben üblichen Beck's auch eine Reihe erlesener Spezialitäten des Hauses. Beim Werderspiel zu viel Bier getrunken? Kein Problem. Ein spezieller Kurzer von der Karte - und schon ist der Gaumen befreit von allem, was ihn in den letzten vierzehn Tagen benetzte. Der Krabbeldiwandenuff hängt ungefähr eine Viertelstunde auf der Innenseite sämtlicher Kleider, wie ich im Eigenversuch feststellen konnte. So ist das eben, wenn sich das Gegenteil des Mainstreams bereits im fünfundzwanzigsten Jahr befindet. Die Mixturen sind extrem ausgereift. Sie sind stärker als jeder Gast. Wer's nicht glaubt, soll einfach ein paar davon bestellen. Das Eisen kann kurz aber herzlich sein, aber eben auch lang und anhaltend, wenn sich jemand für stärker als Eisen hält.

Gibt es ein richtiges Trinken im Valschen?

Neben dem Krabbeldiwandenuff empfiehlt sich für den aufgeschlossenen Gast auch die Verkostung eines Offenen Beines. Die Mixtur aus Wodka, Sambuca und Baileys trinkt sich sogar harmonisch, wenn nicht der Baileys wie ein ranziger Kefir im vollen Glas schweben würde. Erfahrene Gourmets schauen nicht so genau hin. Weder aufs Offene Bein, noch auf das Viertel. Denn der Stadtteil kämpft mit den selben Problemen, die man aus anderen Städten kennt. Prophet Tim Bandisch weist darauf hin, dass die Gentrifizierung in vollen Gang ist. Er bedauert: "Die hübschen Häuser sind inzwischen unbezahlbar, Leerstand gibt es nur bei Ladenflächen, alternative Lebenformen und Kultur werden zurückgedrängt, Telefonläden, Frisöre und Bäckereien nehmen überhand. Der Einzelhandel reduziert sich auf allen Ebenen, zuletzt hat unser aller geliebter Plattenladen Ear geschlossen.... Nur wenige Läden sind so trotzig wie das Eisen."Andererseits könnte man sagen: Das Eisen verhält sich zur Stadteil-Gentrifizierung wie Werder zur Liga-Kommerzialisierung: Mittendrin, aber niemals Mainstream. 

Trotz der genannten Gefahrenquellen fällt das Resumee eindeutig aus: Eine Auswärtsfahrt nach Bremen lohnt allein schon wegen des Eisens. Werder – Viertel – Eisen. In dieser Dreierkette kann man jede Kommerzkritik getrost vergessen. Statt dessen genießt man den echten Kneipenfußball und wenn Fernando ins Schwärmen gerät, schwelgt man gleich mit: "Ich liebe diesen Verein", schreibt er. Und ist dabei so überzeugend, dass auch diejenigen zum Grüne-Raute-Küssen neigen, die einen anderen Verein unterstützen. Offen bleibt nur, ob die spontane Werderliebe des Auswärtsfahrers als Zeichen eines starken Charakters durchgeht oder als temporäre Schwäche, die zweifellos am Offenen Bein liegt, das er eben geext hatte.

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