Holsten-Schwemme

von Bernd Sautter -

Traditionelle Fußballkneipen erkennt man nicht an Großleinwänden und Bildschirmen. Die Holsten-Schwemme auf St. Pauli hat Qualitäten aus einer verloren geglaubten Zeit.

Man kann auf Kiezromantik pfeifen. Selbst leidgeprüften Schräggastro-Kennern kann es in den Seitenkneipen der Reeperbahn schlecht werden. Orientierungslos stolpern wir am Samstagabend in eine HSV-Spelunke. "Bei Günther Jauch" steht über der Schwelle. So muss das Ende der Welt aussehen. Selbst der Doppelgänger-Jauch hat sich bereits vom Acker gemacht. Vielleicht ist das die gute Botschaft: Sogar im Inneren eines Sargs wird noch Bier gereicht. Wir stürzen das Astra aus der Flasche zügig. Durstig sind wir nicht. Wir wollen nur raus. Zurück auf der Straße überlege ich, ob ich eine Flasche Desinfektionsmittel hinterher kippen sollte. Wir besuchen Kiez-Autor Michel Ruge ("Bordsteinkönig"), der eine extrem empfehlenswerte Führung anbietet. Er weist uns darauf hin, dass man in bestimmten Kneipen auf Flaschenbier bestehen sollte, bevor man einen Cocktail bekommt, den man in dieser Mixtur nicht bestellt hatte. Uff, alles richtig gemacht in der Kneipe des Todes. Die Topografie des Viertels vermisst Ruge wie folgt: Südlich der Reeperbahn sei HSV-Gebiet unter Hoheit der Hell's Angels. Nördlich der Reeperbahn liegt Sankt-Pauli-Land. Dort haben sich die Osmanen für zuständig erklärt. "Man muss das nicht gut heißen", kommentiert Ruge, der früher selbst in Gangs aktiv war.

Wo die Welt noch in Ordnung ist

Wir lassen unser Auswärtsspiel-Wochenende sanft ausklingen. Es hätte sowieso nicht mehr besser kommen können als am Abend zuvor, als wir in der Holsten-Schwemme aufs Angenehmste versackt waren. Ich mache das ausschließlich aus Gründen gründlicher Recherche. Schließlich darf ich seit einigen Monaten im Zeitspiel-Magazin die Kolumne "Trinkpause" betreuen. Voller Einsatz erscheint selbstverständlich, auch wenn die Mexis schmecken, als hätte man eine Bratensoß-Maggi-Mischung untergerührt. Aber keine Bange. Die Gefahr einer falschen Mixtur ist nicht gegeben. In der Holsten-Schwemme sind Welt und Drinks noch in Ordnung. Unter den dreitausendundzwei Kneipen auf St. Pauli erweist sich die Holsten-Schwemme als würdige Wahl. Eine echte Kiezkneipe im besten Sinne, die jede Kiezromantik rechtfertigt. Wie zum Beweis der feinen Spürnase trifft unsere Delegation auf Sigi Fassbinder, Museumsführer im FC-Sankt-Pauli-Museum und Markus "Toni" Sailer, den Ex-Mittelstürmer der Kiezkicker.

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Die Eckkneipe wurde 1960 eröffnet. Man findet sie in einer Seitenstraße am westlichen Ende der Reeperbahn, irgendwo im Abseits des Fick- und Tittentrubels. Eine St. Pauli-Kneipe südlich der Hauptstraße. Ausnahmen bestätigten die Regel. Der Kneipenflyer verzeichnet Hans Klövkon und Peter Lundbech als erste Wirte. Später übernimmt Rosita Samac. Wie bei ihren Vorgängern begreift Rosi ihren Job nicht als Beruf, sondern als Berufung. Man kümmert sich eben. Rosi's Holsten-Schwemme ist Kneipe und Sozialstation in einem. Hier wird man geholfen. Überfordert mit der Bürokratie? Rosi bringt Ordnung. Am Ende mit den Finanzen? Rosi kümmert sich. Überfordert mit dem Leben? Rosi hilft.

Ein kleines Wunder

Sigi Fassbinder erzählt uns die jüngere Kneipengeschichte. Demnach erhielt die Holsten-Schwemme vor acht Jahren die Kündigung. Rosi dachte bereits laut darüber nach, den Bettel hinzuwerfen. Aber die Gäste wollten nicht so, wie Rosi wollte. Als sich herumsprach, dass der türkische Laden um die Ecke aufgab, nahmen die Gäste die Sache in die Hand. Sie überzeugten ihre Wirtin, sich die Angelegenheit zu überlegen. Doch die Pacht war viel zu hoch. Sie hätte wohl 5 Euro fürs Bier verlangen müssen. Dann geschah das Wunder. Der Eigentümer erfuhr von der Bedeutung der Holsten-Schwemme für den Kiez. Er erkundigte sich bei Rosi, wie hoch ihre alte Pacht war. Umzugsunternehmen mussten nicht bestellt werden. Die Gäste haben das erledigt. Sogar der blinde Sigi soll geholfen haben, erzählt man sich.

Heute steht die Holsten-Schwemme mit ihrer Kneipen-Solidarität als begehbares Denkmal gegen den Umbau des Kiezes. St. Pauli ist längst hip. Die Mieten explodieren. Die Ureinwohner werden vertrieben. Alles wie überall in den deutschen Innenstädten. Man nennt es Gentrifizierung. In den neuen Räumen der Schwemme ist die Zeit stehen geblieben. Die Wände voller Nippes. Hinter Tresen das Hängeschränkchen des Sparvereins. Der blinde Sigi weiß genau: Mehr als zehn Bier bekommt er nicht am Tag. Die Wirtin weiß, wann es zu viel ist. Wer heute die Holsten-Schwemme besucht, muss allerdings Glück haben, wenn er Rosi treffen will. Das Alter. Manchmal kommt sie als Gast in die eigene Kneipe. Auch das kann man von ihr lernen. Man muss für sich selbst wissen, wann es zuviel ist.

Ehre, wem Ehre gebührt

Das Verdienst, die Schwankwirtschaft für unsere Delegation entdeckt zu haben, gebührt übrigens dem Propheten und Kneipen-Experten Axel Hanewinkel. Den Satz, mit dem er in der Holsten-Schwemme begrüßt wurde, wird er nicht so schnell vergessen. "Wenn Du Dich ausziehst, kriegst du einen Schnaps." Wer Tattoos schätzt, versteht das Angebot unzweifelhaft richtig: als großes Kompliment. Den Schnaps, so erzählt Axel, gab's schon bevor die Unterbuxe auf Halbmast fiel. Man kann kurze und lange Getränke offen ohne Reue genießen. Die Holsten-Schwemme ist eine der letzten Oasen der Eckkneipentradition auf St.Pauli. Lang lebe die Kiezromantik.

 

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