Lass es Guido!

von Bernhard Ubbenhorst -

Der VfB Stuttgart sucht einen neuen Vereinspräsidenten und Guido Buchwald bewirbt sich nun für dieses Amt. Er glaubt, dem VfB damit etwas Gutes zu tun, doch das Gegenteil ist der Fall.

Der VfB Stuttgart hat seit dem 15. Juli 2019 keinen gewählten Vereinspräsidenten mehr. Hurra, schreien die einen im Verein, und Katastrophe, die anderen. Die Trennlinie zwischen diesen beiden großen Lagern kennzeichnet das Ausmaß der Spaltung, die Wolfgang Dietrich nach den Jahren seiner selbstherrlichen Präsidentschaft im Club hinterlassen hat. Als Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender in Personalunion und Quasi-Chef des Vorstandes hielt er allein alle Zügel beim operativen Geschäft in der Hand. Doch das Lenken war nicht so sein Ding. Der erneute Abstieg trotz vieler Ausgliederungsmillionen, unglückliche Personalentscheidungen und die wachsende Gegnerschaft in den eigenen Reihen gipfelten in der Folge einer desaströs verlaufenen Mitgliederversammlung in seinem unrühmlichen Rücktritt. Was folgte? Das danach von vielen befürchtete Chaos im Verein blieb aus. Stattdessen machte sich Erleichterung breit und eine wohltuende Ruhe, die der Verein seit Jahren bitter nötig gehabt hätte.

Der ehrenamtliche Vizepräsident Bernd Gaiser regelt höchst professionell und vollkommen unaufgeregt Dietrichs Nachlass, der in den Augen mancher einem Scherbenhaufen gleicht. Das ist er aber mitnichten. Der Verein ist beim Interimspräsidenten Gaiser bestens aufgehoben, vollkommen handlungsfähig und die dringend notwendigen Korrekturen an den von Dietrich aufgebauten Strukturen im Verein und der AG wurden bereits in Angriff genommen. Eine nicht zu unterschätzende Aufgabe, die nach dem 15. Dezember dem auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung zu wählenden, neuen Vereinspräsidenten zukommen wird. Nicht so leicht zu stemmen für die Vereinsmitglieder, die seit Jahrzehnten gewohnt waren, dass ihnen der Aufsichtsrat diese schwere Aufgabe abgenommen hatte. Der wählte einfach einen ihm genehmen Kandidaten aus, der in Ermangelung von Alternativen mit schöner Regelmäßigkeit dann von den Vereinsmitgliedern auch gewählt wurde.

Bei dieser Wahl im Dezember können sich die meisten Mitglieder erstmals zwischen zwei Kandidaten entscheiden. Das dies nur zwei sind und nicht auch mehr, ist einer schlampig formulierten Satzung aus der Dietrich-Ära zu verdanken. Und genau darin liegt für den VfB nun eine große Gefahr. Der Vereinsbeirat, der diese zwei Kandidaten aus den eingehenden Bewerbungen auswählen muss, ist nicht zu beneiden. Egal, wie er sich und nach welchen Kriterien für wen entscheidet, die Auswahl wird vielen nicht gefallen. Und dass nun die Vereinsikone Guido Buchwald auch den Hut in den Ring warf, macht alles nur noch komplizierter. Aber er darf das ja. Er entspricht dem in der Satzung formulierten Anforderungsprofil an potenzielle Kandidaten. Dort wird "eine mindestens zehnjährige Erfahrung in wirtschaftlichen Angelegenheiten in einer hohen Managementposition oder in einer vergleichbaren Führungsposition" einer mindestens zehnjährigen Erfahrung "im aktiven Leistungssport" gleichgestellt.

Der Vereinsbeirat muss nun bei der Kandidatenauswahl gewichten, ob diese Gleichstellung der Qualifikationen auch im Interesse des Vereins liegt. Allein Guido Buchwalds Erklärung für seine Präsidentschaftsbewerbung lässt jedoch schon an seiner Eignung für dieses Amt zweifeln: "Vor der Verantwortung habe ich mich noch nie gedrückt. Ich stehe zu meinem Wort, dem VfB Stuttgart zu helfen, wenn er Hilfe benötigt ... Ich bin bereit, diese Verantwortung zu übernehmen und mich den Mitgliedern, dem obersten Gremium des Vereins, in einer demokratischen und fairen Wahl zu stellen." Buchwald geriert sich wie ein Heilsbringer, der das Schlimmste von seinem Verein abwenden möchte. Was denkt er denn, was das für eine Situation ist, in der es gilt, Verantwortung zu übernehmen, vor der er sich ja noch nie gedrückt hat? Und was für eine Art von Hilfe meint er denn, die der VfB so dringend benötige, dass er es nun übernehmen wolle? Das ist populistischer Bullshit!

Der VfB benötigt garantiert keinen selbsternannten Heilsbringer oder Aufräumer, Supermann oder sonstigen Helden. Der Verein ist trotz der Post-Dietrich-Querelen allerbestens aufgestellt. Er benötigt dringend einen Präsidenten mit einem plausiblen Konzept, wie er den Verein nach der Spaltung in der Dietrich-Ära personell und strukturell wieder einen kann und die nun unter Bernd Gaiser wieder eingekehrte Ruhe im Verein zukünfig bewahrt. Der neue Präsident muss die Interessen des Vereins und der Mitglieder im ausgewogenen Zusammenspiel mit den Kapitalinteressen der Investoren der AG in Einklang bringen. Dazu muss er mit jenen auf Augenhöhe kommunizieren und agieren können. Das erfordert ein gerütteltes Maß an Management-Erfahrung, dazu innovative Ideen, eine hohe Sozialkompetenz und vor allem Führungsqualitäten für komplexe Unternehmensstrukturen, wie sie nun mal seit der Ausgliederung auch beim VfB unerlässlich geworden sind.

Guido Buchwald bringt für das Amt als Präsident und als potenzieller Aufsichtsratsvorsitzender weder das eine, noch das andere mit. Bereits 2007 warnte das Manager-Magazin bei einer Analyse der Führungsstrukturen in Bundesliga-Vereinen zurecht vor einem "Management by Publikumsliebling", mit dem sich viele Vereine durch die Inthronisierung verdienter Sportler in Führungspositionen regelmäßig selbst schwächen. Sollte der Vereinsbeirat Guido Buchwald zu einem der beiden zur Wahl stehenden Kandidaten erklären, und der sich so, wie er sagt, "einer demokratischen und fairen Wahl stellen" darf, hat das nichts mehr mit einer fairen Wahl zu tun. Kein Klopfer oder Vogt oder sonst wer aus dem Kandidatenkreis hätte selbst mit einem noch so guten Konzept gegen Guido Buchwald den Hauch einer Chance gewählt zu werden.

Es bleibt zu wünschen, dass der Vereinsbeirat bei der Auswahl genügend Mut hat, im Interesse des Vereins dem Populären mit Unpopulärem zu begegnen. Oder aber, dass Guido Buchwald in einer ruhigen Minute vielleicht selbst erkennt, was in dieser Situation wirklich das Beste für "seinen" VfB ist und zu sich selbst sagt: "Ach, lass es Guido!"

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