Lienen irrt (ein bisschen)

von Bernd Sautter -

Bild: Wikicommons

Von Hamburg über München und Leipzig nach Kaiserslautern: Anlässlich der Psychoanalyse von Ewald Lienen eine Reise zum aktuellen Stand des modernen Fußballs. Höhepunkt: die überfällige Siegerehrung des Roten Propheten der Saison 18/19.

Ein Treffer aus dem Nichts. Genauer gesagt aus Hamburg-Harburg. Man kann Ewald Lienen verstehen. Dass jemand an diesem fußballfernen Ort seinen Vortrag protokollierte, damit war nicht zu rechnen. Lienen beging ein veritables Tönnies-Foul. Nur links herum. "Das sind alles diese Leute", führte der Technische Direktor des FC St. Pauli aus," die ihre frühkindliche Deprivation (Zustand der Entbehrung, des Mangels) durch ein wöchentliches Erfolgserlebnis kompensieren müssen. Der durchschnittliche Bayern-Fan braucht das. Du wirst FCB-Fan, weil du das Risiko nicht eingehen willst, wie beim HSV oder bei uns mal ein Spiel zu verlieren.“ In Harburg wurde Lienen mit tosendem Applaus bedacht.

Ein schlechter Witz?

Der Bayern-Block liegt am anderen Ende der Republik. Deren Ultras reagierten prompt, in dem sie die bereits geplanten Transparente um ein weiteres ergänzten: "Wem's als Kind zu gut ging, wechselt zu einem Scheissverein wie 1860. Halt's Maul, Ewald". Tatsächlich war der Zeitpunkt für die Kritik an den Fans unglücklich gewählt. Die Kurvenfans unterscheiden sich grundlegend vom Klischee der Erfolgsfans. Sie feiern zwar Erfolge am laufenden Band. Sie werden zwar von großen Depressionen verschont (Seltene Ausnahmen bestätigen die Regel). Aber für den inneren Kern der aktiven Szene gilt: Erfreulich viele kritische Geister. Lienens Kritik mag für Bayernfans in Hamburg zutreffen. Für die Szene in der Münchener Arena gewiss nicht. Während der gesamten 90 Minuten des Spitzenspiels wird mit dicken Lettern "gegen den modernen Fußball" protestiert. Natürlich darf man sich wundern. Bayernfans gegen den modernen Fußball erscheint auf den ersten Blick so glaubwürdig wie Nazis, die einen linken Ministerpräsidenten wählen. Alles nur eine Finte? Im Gegenteil. Wenn am Geburtsort der fußballerischen Moderne gegen den modernen Fußball protestiert wird, darf man das ernst nehmen. Indirekte Denkmalschändung. Im Grunde richtet sich die Kritik gegen alles, was der bayrische Halbgott Hoeneß und sein westfälischer Kommerenzjünger Rummenigge einst begannen. Das Fan-Imperium schlägt zurück. Spät, aber immerhin.

Man mag diskutieren, ob der Unterschied zwischen Bayern und Leipzig derlei Transparente rechtfertigt. Max Dinkelaker führt in 11Freunde aus, warum er jeden Protest gegen die angeblichen Rasenballsportler für gerechtfertigt hält. Er erkennt in RB ein Marketingprojekt mit ein paar faulen Tricks (RasenBallsport statt Red Bull, das leicht abgeänderte Logo) und offensichtlichem Gemauschel (50+1, Transfers mit Salzburg), das an den eigentlichen Lizenzauflagen vorbei in den Profifußball aufsteigen konnte. Tatsächlich verstösst das Vereinsimitat RB die DFB Lizenzbedingungen bis zum heutigen Tag, wenn man den angeblichen 19-Mann-Verein als das bezeichnet, was er ist: mehr eine geschlossene Geheimloge als ein eingetragener Verein.

Feindbilder überwinden

In München sieht man das genau so. Doch man kümmert sich nicht nur um den Gegner. Man seziert auch die eigenen Reihen. Hoeneß hat getobt. Nach seiner Lesart hat die Südkurve ihre Parole vom selben Labtop abgelesen, von dem schon vor Jahresfrist defätistische Texte gegen den Präsidenten vorgetragen wurden. Während des Spiels hielten Munich's Red Pride ein Transparent hoch: "Die Problem-Bärin zum Abschuss freigeben. Schleich di aus unserem Verein!" Mit den Fans ist es wie mit den Parteien: Die alten Feindbilder haben ausgedient. Bayernfans gegen die Inkompetenz der CSU-Volksvertreterin – das sollte auch Ewald Lienen zur Kenntnis nehmen. Weite Teile der bayrischen Kurve wehren sich gegen Dorothee Bär, die dem längst zurückgetretenen Ministerpräsidenten Kemmerich via Twitter zu seinem Amt beglückwünschte. Man möchte meinen, die Kurve sei einer der wenigen Orte in Deutschland, an der die Welt  noch in Ordnung ist. Im Spitzenspiel gegen Leipzig war sie weiter spannender zu beobachten als das trostlose Null-zu-Null auf dem Platz.

Am anderen Ende des Kommerzes

Was die Kommerzkritik betrifft, mag man den Bayern-Fans die Reise nach Kaiserlautern wärmstens empfehlen. Am 16. Mai, dem letzten Spieltag der Dritten Liga, steht das Auswärtsspiel der zweiten Mannschaft an. Bayern: Bitte alle Mann nach Lautern. Wer den modernen Fußball verabscheut, ist dort bestens aufgehoben. Neulich fuhr ich zum Pokalspiel gegen Düsseldorf in die Stadt, die ohne den Fußball auf keiner Landkarte verzeichnet wäre. Schon die Anreise mit der S-Bahn: Allerfeinstes Hörspiel! Man muss nur ein paar Worte pälzisch (pfälzisch für "pfälzisch") verstehen. Alle Klassiker vorhanden:

- "Hätte wir damals dem Hopp die Türe nicht zugeschlagen."
- "Der Kuntz ist an allem schuld"
- "Wir brauchen nur eine Million, nur eine... dann wird alles gut."
- "Wenn der FCK stirbt, stirbt die ganze Region"
- "Als Fan musst du treu bleiben, anders geht's nicht"
- "Damals in den Siebzigern, das waren noch Zeiten" 

Eine S-Bahn zum Mitschneiden. Wenn man Herzblut nach Floskeldichte misst, fährt die S-Bahn von Neustadt nach Kaiserlautern weit vorneweg. Lautern ist, wenn die Kommerzialisierung im Keim erstickt. Bayernfans müsste das gefallen. So verzweifelt die finanzielle Lage scheint, so fein ist die Atmosphäre, wenn der Betze brennt. Wenn die roten Teufel 2:1 führen, findet man keinen besseren Ort. Das überdimensionierte Stadion, der Schuldenstand, die dritte Liga – alles ist für wenige Minuten vergessen. Das pälzische Hörspiel bis zum Anschlag auf laut gedreht. Die Ohren glühen. Aber nur so lange bis Rouven Hennings den Ball an der Strafraumkante volley nimmt. 2:3, 2:4, 2:5, Schlusspfiff. So ist eben Fußball, wenn man kein Bayernfan ist. Danach pure S-Bahn-Romantik. Merke: Mit ein paar Bier mehr, kommen die Klassiker noch flüssiger über die Lippen.

tl_files/propheten_dark/stories/20_2_Blog im Februar/Linn.jpg

Das Schönste zum Schluss: Vielen lieben Dank an den Roten Propheten Stefan Linn. Im Bauch der Lauterer Westtribüne durfte ich ihm den hochverdienten Propheten-Pokal überreichen. Bei einem echten Lauterer, Fußballmelancholiker vor dem Herrn, ist der Pokal in besten Händen. Lieber Stefan: Im Namen der Propheten aller erdenklichen Ligen sagen wir herzlichen Glückwunsch zum Pokal, den in unserer Runde nur die größten Romantiker bekommen. Vollauf verdient. Es war mir eine Ehre.

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