Nationale Low Performer

von Bernhard Ubbenhorst -

Bundestrainer Jogi Löws jüngste Personalentscheidungen haben die deutsche Fußballseele aus ihrem posttraumatischen Tiefschlaf infolge der WM 2018 geweckt. Das ist gut so, aber vermutlich wird es ihn über kurz oder lang seinen Job kosten.

Personalführung ist eine sehr sensible Angelegenheit. Jogi Löw hat in seinem Fußball-Unternehmen nach fast halbjähriger Situationsanalyse Konsequenzen aus dem Vorrunden-Aus gezogen und gleich drei Mitarbeitergespräche geführt. Die Herren Thomas Müller, Mats Hummels und Jerôme Boateng wurde in jeweils fünfminütigen, sogenannten Freistellungsgesprächen für die geleistete Arbeit gedankt, verbunden mit der Aufforderung, umgehend ihren Nationalspind zu räumen. Das kam so überraschend wie konsequent. Das hatte unserem Bundes-Jogi so niemand zugetraut. Er wollte einen "Eiertanz" um diese Personalien vermeiden, sagte er hinterher. Vermutlich hatte er das wochenlange, mediale Gezeter und Theater um Ballack und Frings und später bei Schweinsteiger und Podolski noch im Ohr. Damals als Chef, der viel zu lange darauf gewartet hatte, dass seine Führungskräfte mit Anstand, wie etwa Lahm und Mertesacker, von allein den Platz räumen und ihn zur rechten Zeit Jüngeren überlassen.

Für die Unentschlossenheit im Umgang mit personeller Erneuerung wurde Löw in den Fachmedien stets massiv kritisiert. Insbesondere nach der letzten WM, bei der ein dringend benötigter Generationswechsel ja offensichtlich war. Und nun macht der gute Jogi konsequent genau das, was damals von ihm gefordert wurde und die gleichen Medien kritisieren ihn nun umgekehrt dafür noch umso heftiger. Darf der das überhaupt? Schlechter Führungsstil. ... wirft unsere WM-Helden raus ...sind doch Leistungsträger bei Bayern ... Müller ist sauer ... Boateng enttäuscht ... und Hummels will mehr Respekt. Die üblichen Verbalinjurien aus der Säbener Straße sparen wir uns an dieser Stelle lieber. Ihr Tenor besagt in etwa, dass man hierzulande nur mit und von FC Bayerns Gnaden zum Bundestrainer wird und es auch bleibt. Seit der Niederlage gegen Liverpool läuft in München die Abteilung Attacke zur Ablenkung gegen den Bundestrainer zur Höchstform auf. Die Boulevard-Kampagne läuft schon heiß und selbst der DFB-Grindel stellt die Windel, windelweich, mal wieder in den Wind. Er zweifelte gerade öffentlich Löws Qualitäten in der Personalführung an.

Personalführung ist eben eine sensible Angelegenheit und insbesondere dann, wenn es ums Kündigen geht. Das sogenannte Freistellungsmanagement ist nur was für Profis, würde der Lindner von der FDP vermutlich dazu sagen. In der Wirtschaft gibt es dafür sogar Seminare: Eines der Consulting-Firma "Schreiner Praxis-Seminare" (für Arbeitgeber) trägt etwa den Titel "Die Kündigung und der Umgang mit Low Performern". Die Inhaltsbeschreibung bringt es auf den Punkt: " Leistungsschwache Mitarbeiter sind meist schnell erkannt. Doch kann ein Mitarbeiter wegen schwacher Leistungen oder aufgrund von Fehlern überhaupt entlassen werden? Viele Arbeitgeber halten dies für nahezu unmöglich. Dass dies nicht unbedingt stimmt, erläutern wir Ihnen im Rahmen des Seminars 'Die Kündigung von Low Performern'."

Dort lernt man als Chef viele nützliche Dinge. Jogi Löw hat das vermutlich versäumt. Nehmen wir mal den Seminarteil "Mitarbeiter-/Kritikgespräche". Den Teil Kritik, hat Jogi Löw in seinen fünfminütigen Mitarbeitergesprächen mit Müller, Hummels und Boateng vermutlich vergessen. Wenn man selbst beim Rausschmiss noch über den Klee gelobt wird, fragt man sich natürlich reflexartig: Aber warum dann? Chef? Es folgen die Seminarteile: "Betriebliches Eingliederungsmanagement, Altersteilzeit und Versetzung". Hat Jogi bei der Kündigung seiner Spieler zuvor überhaupt alle möglichen Register gezogen, die eine Trennung im Guten erlaubt hätten? Hat er etwa jemals an "Rechtssichere Abmahnungen für Low Performer" gedacht? Fragen über Fragen, die nur eine Antwort zulassen. Jogi Löw hat vom Freistellungsmanagement soviel Ahnung wie ich vom Schwimmen, nämlich gar keine. Die Sporthochschule in Köln sollte dringend in ihrer Akademie solche Seminare auch für die Trainerausbildung anbieten. Der Umgang mit Führungskräften, die zu Low Performern werden, ist auch im Fußball ein dringliches Problem. Domenico Tedesco haben seine Low-performenden Halbgötter in blau-weiß bei Schalke gerade den Job gekostet. Obwohl er bei seinem Trainerschulabschluss eine Eins vor dem Komma hatte und eine Null dahinter. Wenn der das nicht kann, ja wer denn dann?

Jogi Löw ist ja nach den vielen Jahren an allerhand Kummer gewöhnt, doch der Sturm, der sich da gerade gegen ihn zusammenbraut hat eine andere Qualität. Wenn Cathy Hummels dann noch die schärfste Waffe zückt, ihren Instagram-Account, dann wird auch der Shit-Storm nicht lange auf sich warten lassen. Vereint mit Frau Müller, Jerôme Boateng und mit Mesut Özil, der ja gerade, nur um Löw und den DFB zu ärgern, Freund Erdogan zu seiner Hochzeit eingeladen hat, wird dieser Shitstorm gnadenlos. Dann hat Löw die Kacke so richtig am Dampfen, wie wir Westfalen so einen Shitstorm allgemeinverständlicher bezeichnen. Das wird nicht spurlos an ihm vorübergehen, trotz aller Nivea-Pflegeprodukte für den Saubermann von heute.

Und dann gibt es da ja noch den ultimativen Uli Hoeneß. Der hat vermutlich zig Seminare über die "Kündigung und den Umgang mit Low Performern" besucht. Er kennt alle Tricks, um missliebig gewordene Mitarbeiter loszuwerden und sie noch Jahre hinterher zur Rechtfertigung mit Dreck zu bewerfen, wie er es gern bei Spielern die "Scheißdreck gespielt" haben macht. Juan Bernat weiß Bescheid, über Matthäus' verhinderte Green-Keeper-Karriere ist schon Gras gewachsen und wenn sich Sky-Experte Didi Hamann weiter so kritisch gegen Lewandowski anstellt, darf der im Rentenalter an der Säbener Straße nicht mal die Klos putzen. Und die Verschwörungstheorie, dass Hoeneß damals seinen Intimfeind Christoph Daum in die Kokainsucht getrieben habe, nur um ihn als Nationaltrainer zu verhindern, ist zwar absurd, aber irgendwie auch reizvoll.

Es wird nicht lange dauern, bis die gesamte Springerpresse den Bundestrainer als den eigentlichen Low Performer in diesem System aus- und dann niedermacht. Nicht umsonst wurde dort nach dem Liverpool-Sieg mit Trainer Jürgen Klopp in München gleich die alte Geschichte aus dem letzten Sommer wieder aufgewärmt, dass Klopp der einzig wahre und kompetente Bundestrainer sei, den es zu holen gelte und der, im Fall der Fälle, auch gar nicht so abgeneigt sei. So kann man zwei lästige Fliegen mit einem Klopp erschlagen. Wenn Jürgen Klopp schon aufgrund gegenseitiger Abneigung niemals Bayern-Trainer sein wird, soll der beste deutsche Trainer dann doch wenigstens Nationaltrainer sein, damit den Bayern solche Klopp-Klatschen wie gegen Liverpool zukünftig erspart bleiben.

< Zurück