Rotterdamer Triple

von Bernd Sautter -

Stadion Het Kasteel

Wer über holländischen Fußball philosophiert, nimmt die Nationalmannschaft und Ajax in den Fokus. Von Rotterdam redet keiner. Warum eigentlich? Eine prophetische Delegation hat ein ganzes Wochenende recherchiert, um den Mantel des Schweigens zu zerschneiden. Das Groundhopping-Bulletin aus Rotterdam. 

"Oranje brillant!". David Winners Buch über die Geschichte des holländischen Fußballs ist ein lesenswertes Werk, allerdings lässt Winner eine gravierende Lücke: Rotterdam. Die Stadt steht nicht nur fußballerisch im Schatten, sie ist es gewohnt übersehen zu werden, auch von Touristen. Obwohl sie mit rund 650.000 Einwohner an Amsterdam heranreicht, überrollt die internationale Sightseeinglawine nur die Ajax-Stadt. Rotterdam spielt die Position des freistehenden Flügelstürmers, der nur selten angespielt wird. Akuter Grachtenmangel und fehlende Altstadt eigenen sich nicht für Reisemarketing. Die Innenstadt brannte am Ende des Zweiten Weltkriegs komplett aus. Touristisch passt sie überhaupt nicht ins romantische Bild von Antje aus Holland. Ganz anders fällt die Perspektive aus, wenn man es mit der Weltsicht des Groundhoppers betrachtet. Rotterdam ist die einzige Stadt in den Niederlanden mit drei Profivereinen. Wenn man an einem Wochenende alle drei Heimspiele im kompletten Satz einsammeln kann, erscheint es einem Hopper, als könnte er die blaue Mauritius ergattern. Allerdings in roter Farbe, denn alle drei Vereine – Feyenoord, Sparta und Excelsior – führen in ihren Vereinsfarben einen satten Rotton. 

Sparta

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Unser Rotterdamer Triple beginnen wir mit dem historisch ersten Verein der Stadt: Sparta! Auch der Ground ist geschichtsträchtig. Sparta wurde 1888 gegründet und spielt seit 1916 im Stadion Het Kasteel – nach dem schlossähnlichen Gebäude benannt, das vor der ehemaligen Haupttribüne steht, wehrhaft und stolz wie eine Trotzburg. Obwohl wir es nicht planten, verliebt sich die gesamte Delegation in den Arbeiterverein und sein fußballkulturelles Ambiente. Allein das Wappen: Der sechsmalige niederländische Meister führt eine hochfiligrane Kickerfigur als Wahrzeichen. In der Stadionkneipe entdecken wir eine künstlerische Variante des Wappens. Unter dem Auge wurde eine winzige Träne hinzugefügt; ein feiner Hinweis auf die Leidensfähigkeit, die Anhänger von Sparta sicherlich mitbringen müssen. Die große Zeit Spartas liegt weit zurück. Fünfmal Meister zwischen 1909 und 1915. Die Meisterschaft 1959 geht als Nachzügler durch. Wie so häufig in Holland findet sich unter der Tribüne eine liebenswerte Trinkhalle. Mitarbeiter des Jahrzehnts ist zweifellos der greise DJ. Um die Übergänge zu vermeiden, pflegt er noch die rare Tradition der Moderation. Allerdings entsteht nach den Wortbeiträgen eine lange Pause. Es braucht eben die eine oder ander Sekunde, bis die Nadel auf die korrekte Position der Platte zittert. Kein Zweifel: Der DJ ist der einzige der gesamten Trinkhalle, der die 59er-Meisterschaft noch erlebt hat.

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Die vielleicht schönste Geschichte über Sparta entdecken wir im Netz. Die Bildersuche spuckt einige spielentscheidende Szenen eines Freundschaftsspiels aus dem Jahr 1957 aus. DOS Utrecht war im Het Kasteel zu Gast. Sparta verlor 1:7. Die Dame, die auf der Aufnahme zu sehen ist, sieht nicht nur wie ein Hollywood-Star aus, es ist auch einer: Jayne Mansfield. Wie es um ihre schauspielerischen Talente bestellt war, mögen andere Blogs beurteilen. Augenfällig ist der gut ausgeprägte Körper, der im Stil der Zeit auf vielen Pressebildern dokumentiert wurde. Ebenfalls unübersehbar: Mansfield hatte sich als Playmate für die Schauspielkunst qualifiziert. Um einen Film zu promoten, verbrachte sie einige Tagen in den Niederlanden. Bevor sie am Mittelkreis den Anstoß ausführt, unterstreicht sie plakativ ihre Zuneigung zu Sparta, in dem sie mit einem fetten Kuss den Sparta-Kapitän etwas durcheinander bringt. Die Szene wurde zweifellos inszeniert (mindestens der Fotograf muss das improvisierte Drehbuch gekannt haben), aber warum auch nicht... Sparta-Kapitän Rinus Terlouw muss nicht leiden. Mittelfeldspieler Kuiphof führt die hohe Niederlage auf die Anwesenheit der attraktiven Dame aus Amerika zurück. Allerdings darf nicht übersehen werden, dass DOS Utrecht eine absolute Spitzenmannschaft ist, gegen die man auch ohne sexuelle Belästigung verlieren kann. Für das spartanische Publikum ist natürlich die blonde Mansfield Schuld an der verheerenden Niederlage Die Analyse im holländischen O-Ton lautet: "Met een stijve lul kun je niet voetballen."

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Vergleichsweise wenig glamourös ist das Spiel. Wir sind in der holländischen zweiten Liga. Aber genau dort fühlt sich unsere Delegation pudelwohl. Die Partie ist sportlich hochklassig und extrem stimmungsvoll. Sparta (2.) gegen RKC (10.). Feinschmeckerfußball. Der 2:1-Siegtreffer für Sparta fällt wenige Minuten vor Schluss. Wappen, Historie, Fansupport – spätestens beim Schlusspfiff sind aus uns fünf Vollblut-Spartanern geworden. Völlig überraschend bekommen wir noch einen B-Promi des internationalen Fußballs zu Gesicht. Für die Schlussphase bringt Sparta einen Ex-Real-Spieler locker von der Bank. Es ist Royston Drenthe, der einst als großes Talent direkt aus Holland zu Real Madrid wechselte, aber nie den Durchbruch schaffte. Er rollt bester in Ailton-Manier, also sichtbar nicht austrainiert, über den linken Flügel. Trotzdem: Die Flanke zum 2:1-Siegtreffer geht auf sein Konto.

Het Kasteel steht inmitten einer durchschnittlichen Wohngegend. Erwähnenswert deshalb, weil sich in Rotterdam bestätigt, dass der Charakter des Stadtteils den Charakter des Vereines beschreibt. David Winner versucht in seinem Buch den Zusammenhang zwischen Architektur und Fußballtaktik zu beschreiben. Der Ansatz ist nachvollziehbar, weil die Niederlande dicht besiedelt sind. Raum erscheint als knappes Gut, das keinesfalls verschwendet werden darf. Winner versucht daraus den typischen Totaalfoetball herzuleiten, mit dem Holland in Zeiten von Cruyff und Michels die Weltspitze eroberte. Der effektive Umgang mit dem Raum, so Winner, würde sich auch im holländischen Spielsystem ausdrücken. Mit dieser These scheitert er auf hohem Niveau. Architektur ist statisch und planvoll. Aufstellungen sind beweglich und reagieren auf Veränderung. Das einzige wirkliche Bauwerk beim Fußball ist die Freistoßmauer. Zu wenig für eine grundlegende Parallele zur Architektur. Gehaltvoller wird es allerdings, wenn man den Kiez betrachtet, in dem der jeweilige Klub beheimatet ist.

Excelsior

Am nächsten Tag gehen wir zu Excelsior. Wir spazieren durch ein feines Villenviertel. Die Flutlichter leuchten von weitem über die Dachfirste. Das Stadion fasst 4.000 Zuschauer, damit die Hälfte von Spartas Het Kasteel. Während Sparta als in allen Schichten verwurzelter Klub erscheint, gilt Excelsior als kleiner Klub der feinen Leute. Ein winziger Stehblock ist vorhanden. Stimmung bleibt jedoch aus. Den dreihundert Stehplatzgästen bleibt der Laut im Halse stecken. Zwei Minuten werden Fahnen geschwenkt. Das wars dann mit Stimmung. Kein einziger Sprechchor während neunzig Minuten. Die Fans bleiben so zahm, wie die lustigen Karnickel, die vor dem Stadiontümpel seelenruhig grasen. Auch auf den Sitzplätzen herrscht vornehme Zurückhaltung. Excelsior liegt schnell und verdient gegen Tabellenführer PSV Eindhoven im Rückstand. Die Tribünen quittieren es mit einem Ausdruck der Bedauerns. Doch weder Aufmunterung noch Kritik werden laut oder irgendwie anders formuliert. Tennispublikum. Unsere fünfköpfige Delegation ist das lauteste der gesamten Kurve. Lediglich die Gegentribüne mit dem PSV-Anhang feiert. PSV gewinnt in der Höhe deutlich zu niedrig mit 2:0.

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Dass Excelsior in der höchsten Spielklasse spielt, Ehrendivisie genannt, während Sparta in der zweiten Liga herumkrebst, mag den Fußballromantiker verwirren. Aber so ist Fußball, auch die dritte Kraft geht mal an der zweiten vorbei. Excelsior hat keine Fangemeinde, allenfalls Zuschauer. Tradition ist vorhanden, aber keine, die sich in vielen Titeln aufzählen lässt. Statt dessen war Excelsior in den Fünfzigern bei den ersten Klubs, die ihre Spieler offen bezahlten. Der kleine, aber feine Klub war stets ein Vorreiter der Kommerzialisierung – unter anderem der Erste, der seine Tribünen überdachte. In den Siebzigern trug Excelsior ein großes A auf dem Trikot. Dem Verband wollte man weiß machen, das A wäre die Kennung für das Excelsior A-Team. Aber natürlich war es offene Trikotwerbung - und zwar für den Sponsor Aiwa. Der Verband wollte sich nicht vergaggeiern lassen und verhängte eine Geldstrafe, womit der KNVB übrigens schon damals konsequenter handelte als der deutsche Verband heute. Disser DFB hat ja bis jetzt noch niemand bemerkt, dass RB für Red Bull steht. Beim Erschließen neuer Geldquellen bewies Excelsior seit jeher große Fantasie. Mitte der Neunziger kam der Präsi auf die Idee, sich aus dem Verkauf von Altpapier zu finanzieren. Mitglieder und Spieler waren mit kleinen Transportern unterwegs, um den kostbaren Rohstoff einzusammlen. "Wenn wir so weitermachen, können wir bald den Cruyff kaufen", stellte der Präsident fest. Doch Cruyff sollte nie kommen. Geblieben ist nur der Spitzname: Altpapierklub.

Zu Beginn der diesjährigen Rückrunde gewann der dritte Klub Excelsior (14. der Ehrendivisie) sogar gegen den Marktführer der Stadt Feyenoord (3. der Ehrendivisie). Ein ziemliche Blamage muss das für das große Feyenoord gewesen sein. Dabei hatte sich Excelsior jahrelang als Farmteam für Feyenoord hergegeben. Seit 2012 ist die Verbindung der Vereine etwas lockerer. Allerdings: Während Ajax, Utrecht und PSV mit ihren Jugendteams in der zweiten Liga antreten, spart sich Feyenoord diesen Entwicklungsschritt bis heute. Man kann die Talente ruhigen Gewissens in den anderen Vereinen der Stadt verteilen.

Feyenoord

Durchaus verständlich, dass sich David Winner in seinem Standardwerk über den holländischen Fußball über Excelsior ausschwiegt. Aber Feyenoord, keine Spur vom großen Feyenoord im ganzen Buch – wie kann das sein? Nach Lektüre des grandiosen Buches erschließt sich die Auslassung. Winner philosophiert über taktische Systeme, über Raum und Architektur, über Politik, Widerstand und gesellschaftliche Zustände. Er schwebt auf einer Flughöhe, auf der Feyenoord nie erschien.  Der rauhe Klub mit Hafenarbeitertradition eignet sich nicht für philophische Betrachtungen. Feyenoord definiert sich seit jehr über Kampf, und nicht über System. Feyenoord ist wie Schalke ohne Kreisel. Werft statt Grube, aber auf dem Platz zählt die Maloche. Klublegende ist Willem van Hanegem, ein großer Kämpfer. Den klassischen Stürmer-Typus verkörpert Dirk Kuijt, ein Stürmer mit dem unbedingten Willen einer Dampfwalze. 

Wir hatten uns sehr auf Feyenoord gefreut. Obwohl mit dem FC Emmen ein südfriesisches Provinzkaff im De Kuip zu Gast ist, sind wir gespannt auf den enthusiastischen Support. Der Feyenoord-Mob ist berüchtigt in ganz Europa. Das Stadion verspricht Stimmung. Natürlich hatten wir mitbekommen, dass in der Rückrunde bereits zweimal De Klassieker ausgespielt wurde. In der Liga wurde Ajax mit 6:2 demontiert. Im Pokalspiel rächte sich Ajax mit 3:0. Das Halbfinale war erst ein paar Tage alt. Feyenoord hatte seine letzte Titelchance verspielt. Zur Einstimmung nahmen wir ein Bier in der Bar an der Kreuzung. Das leuchtende Veilchen des Herrn, der sich neben uns platzierte, war auch erst ein paar Tage alt. Da beim Feyenoord-Anhang neben den Ajax-Fans auch die deutschen Nachbarn nicht eben hoch im Kurs stehen, verzichten wir auf vorlaute Vorfreude. Unser dezentes Auftreten wurde mit frisch frittierten Häppchen im Stile von Tapas belohnt. Get doch. Rau, aber herzlich. Danach ging's jedoch bergab.

Häppchen und Stadion blieben die einzigen Highlights des Nachmittags. Die Schüssel war nur halb gefüllt. Ein harter Kern war im ganzen Radius der Feyenoord-Kurve nicht auszumachen. Die Stimmung war so elektrisierend wie bei Excelsior. Nach einem Hattrick von Robin van Persie erklang ein Sprechchor für den Altstar. Mehr nicht. Die fünfhundert Fans aus dem friesischen Dorf sangen lauter als die gesamte Feyenoord-Kurve. Ich vermute einen Fanboykott und erkundige mich. Nichts dergleichen. Die Unterstützung sei normal in dieser Saison, berichtet mir ein Fan. Tabellendritter mit deutlichem Punktabstand gegenüber Ajax - der gemeine Feyenoorder hat offenbar andere Ansprüche. Wer in großer philosophischer Tiefe einen Zusammenhang zwischen dem Lebensraum des Landes und dem Stadionerlebnis herstellen möchte, wird auf dem Platz nicht fündig. Die typisch niederländische Komprimiertheit spiegelt sich lediglich im Abstand der Sitzschalen. Völlig unabsichtlich saß ich meiner Nebensitzerin fast neunzig Minuten lang auf dem Schoß. Nur die vier Feyenoord-Treffer gaben uns die willkommene Gelegenheit, die verordnete Enge zu verlassen um den Torschützen mit Standing Ovation zu huldigen. Höflicherweise blieb ich länger stehen als unbedingt notwendig. Nebenbei hatte ich Mühe meinen Ohrwurm zu beruhigen, der mir andauernd die Sparta-Lieder vom Freitagabend ins Gedächtnis trommelte.

Resummee nach drei intensiven Fußballtagen: Rotterdam ist eine Reise wert. Sparta ein Muss. "Met een stijve lul kun je niet voetballen." Die verbreitete Feyenoord-Lücke hat gute Gründe, gerade bei David Winner. Ferner verstehe ich jetzt, warum Winner jede Begründung seiner Feyenoord-Lücke verweigerte. Hätte er die Wahrheit aufgeschrieben, ein Veilchen wäre das Mindeste gewesen, was er bei seinem nächsten Besuch in Rotterdam erhalten hätte.

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