So was kommt von so was

von Bernhard Ubbenhorst -

Am Wochenende wurde der Ingolstädter Almog Cohen von einem Union-Berlin-Fan antisemitisch beschimpft und beim Chemnitzer FC für einen Rechtsradikalen eine Stadion-Trauerfeier zelebriert. Was läuft da falsch?

Fangen wir mal mit Union Berlin an. Der Verein mit seiner vorbildlichen Fan-Gemeinschaft, die sich im Advent auch schon mal zum Weihnachtsliedersingen trifft, steht heute für ein weltoffenes Miteinander und Toleranz. 2015 hatte sich die Vereinsführung mit zahlreichen Aktionen für Flüchtlinge hervorgetan und somit politisch klar positioniert. Im krassen Gegensatz dazu standen damals viele Kommentare auf der Facebook-Seite des Vereins, was vermuten ließ, dass das zumindest einigen Union-Fans gegen den Strich ging. Wer Anfang der Neunziger, in den Nachwendejahren, mal Spiele bei Union Berlin angeschaut hat, den wundert das nicht. Rechtsradikale Fans hatten damals die Kurve im Griff. "Eisern Union" bedeutete, das "Eiserne Kreuz" am Revers zu tragen und auch antisemitischer Gesang, mit dem Hans Rosenthal, der 1987 verstorbene Holocaust-Überlebende und ehemalige Präsident von TeBe Berlin, verunglimpft wurde, war dort zu hören. Sie waren viele, wie auch in anderen Stadien zu dieser Zeit und einige stehen mit hoher Wahrscheinlichkeit auch heute noch irgendwo im Union-Stadion rum.

Mit mutmaßlich einem dieser Rechtsradikalen hat Almog Cohen nun seine Erfahrungen gemacht. Die äußerst üblen, antisemitischen Beschimpfungen eines Union-Fans, sorgten am Samstag noch während des Spiels via Twitter für Aufregung. Der FC Ingolstadt protestierte heftig dagegen und bat die Unioner dabei um Hilfe. Die wiederum baten die Berliner Polizei um Hilfe und mittlerweile kümmert sich der Staatsschutz um diesen Tweet. Soviel Aufhebens um einen rassistischen Vollidioten, denkt da mancher.

Doch dem Ingolstädter Kapitän Almog Cohen, muss das wie ein Déjà-vu vorgekommen sein. Bereits 2015 kam es bei einem Zweitligaspiel der Ingolstädter an der alten Försterei in Berlin-Köpenick zu einem Eklat, bei dem auch Cohen im Mittelpunkt stand und die Berliner Polizei alles andere als hilfreich war. Cohen zu Ehren hing im Fan-Block der Schanzer, wie auch anderswo schon oft zuvor, die israelische Fahne am Stadionzaun. Auf Anweisung eines Union-Ordners mussten die Fans die Fahne dann jedoch wieder einpacken. Almog Cohen kommentierte das Geschehen, damals via Twitter: „Heute wurde die israelische Flagge beim Spiel gegen Union Berlin von einem lokalen Ordner entfernt. Er sagte: Keine Flaggen von Juden erlaubt.“ Cohen war von der Ersatzbank zum Gästeblock gelaufen und hatte den Ordner gefragt, warum man die Fahne abhängen müsse. Klar war hinterher nur, dass der Ordner auf Anweisung des bei dem Spiel einsatzleitenden Polizeibeamten tätig geworden war. Und die Begründung hatte es in sich.

Der Berliner Tagesspiegel schrieb damals dazu: " Der Leiter des Polizeiabschnitts 63, der den Einsatz seiner Beamten rund um das Spiel führte, hatte die Anweisung aus Gründen der "Gefahrenabwehr" erlassen. Der Polizeioberrat war der Meinung, bei der Fahne handele es sich um eine politische Äußerung, die in einem Sportstadion nichts zu suchen habe. Es sei "Berliner Linie", dass bei sportlichen Großveranstaltungen politische Kundgebungen nicht zulässig seien, argumentierte er." So wurde aus einer zur Unterstützung Cohens aufgehängten Fahne plötzlich eine "politische Kundgebung". Starker Tobak! Nicht, dass so manche Landesfahne, wie etwa die Flagge der tibetischen Exilregierung, auch politisch brisant sein könnte, etwa bei einem Länderspiel gegen China. Aber doch nicht eine israelische Fahne an einem Zaun der Alten Försterei.

Der damalige Berliner Polizeipräsident Kandt ruderte nach einer Beschwerde des Innensenators Henkel folgerichtig schnell zurück, ebenfalls via Twitter und im zackigen Kommiß-Ton: PPr Kandt: „Aufforderung Einrollen der Israel-Flagge gestern bei #FCUFCI war Fehlentscheidung. Ich bitte die Betroffenen um Entschuldigung.“ Damit war der Fall erledigt und auch eine gute Chance verpasst, den strukturellen Rassismus in unserer Gesellschaft, nicht nur rund um Fußballstadien sondern auch bei der Polizei auf breiterer Basis zu thematisieren. Der Tagesspiegel schloss seinen Bericht darüber mit dem Satz: "Das Verhalten von Berliner Polizisten sorgt nicht zum ersten Mal für Irritationen. Im Sommer 2014 skandierten Teilnehmer von Demonstrationen gegen den Gaza-Krieg antisemitische Parolen wie „Jude, Jude, feiges Schwein“. Dabei blieben die Beamten untätig."

Nun zu Chemnitz. Gänzlich untätig blieb die Polizei auch am letzten Wochenende vor der Regionalliga-Begegnung des FC gegen die VSG Altglienicke. Mit Unterstützung des Chemnitzer FC fand dort im Fanblock eine Trauerfeier für den kürzlich verstorbenen Thomas Haller statt, einen stadtbekannten Neonazi und Rassisten. Mit Pyro-Show, Schweigeminute und Beileidsbekundung durch den Stadionsprecher. "Tommy" Haller war seit den Neunzigern und der Gründung der rechtsradikalen Fan-Gruppierung "Hoonara" (Hooligans - Nazis - Rassisten) ein Idol der rechten Fanszene in Chemnitz. Mit dem FC war er auch lange beruflich verbunden und mit seiner Sicherheitsfirma bis 2007 im Stadion für den Ordnungsdienst zuständig. Der Skandal ist nicht, dass die Polizei dort nicht eingeschritten ist. Das hätte nach der nahezu wohlwollenden Begleitung der letztjährigen, rassistisch motivierten Ausschreitungen in Chemnitz ohnehin niemand von der lokalen Polizei erwartet. Das Problem liegt tiefer.

Es ist sehr wohlfeil, sich mit der geballten Staatsschutzmacht im Twitter-Universum auf die Suche nach einem rechtsradikalen Union-Berlin-Fan zu machen oder sich per Lippenbekenntnis von jenem zu distanzieren, wie es DFB-Vizepräsident Rainer Koch tat: "Diesen widerlichen, antisemitischen Tweet verurteilen wir in aller Schärfe und fordern, dass dem konsequent nachgegangen wird." Auf jeden Fall verurteilen das Ganze, und in der berühmtesten aller Schärfen natürlich und schon ist man aus dem Schneider und aus der Verantwortung. Der Tenor in Berlin-Köpenick lautet, man spreche möglicherweise über einen Union-Fan. Könnte ja auch jeder gewesen sein. Mal alles nicht so hoch hängen, Verrückte gibt's schließlich überall.

Und auch der Chemnitzer FC schaltet nun nach anfänglichen, äußerst abstrusen Rechtfertigungen der Stadion-Trauerfeier für einen Neonazi in einen anderen Modus. Das war so nicht vorherzusehen, hat eine Eigendynamik entwickelt, der Verantwortliche hat schon seinen Hut genommen, usw. Echte Konsequenzen und Sanktionierungen seitens des DFB sind, wie üblich, in diesem Fall kaum zu erwarten. Das ist der wirkliche Skandal. Und den gibt es nicht erst seit dem letzten Wochenende.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der sich seit Jahren durch den politischen Populismus rechter Parteien befördert ein Klima gebildet hat, in dem der offen vorgetragene Rassismus wieder gesellschaftsfähig geworden ist. Das redet sich die Gesellschaft, und dazu gehören auch die Welt des deutschen Fußballs und der DFB, schon viel zu lange mit nicht enden wollender Verharmlosung immer wieder schön. Den Lippenbekenntnissen gegen Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit folgen keine Taten. Bezieht dann mal jemand wie Eintracht Frankfurts Präsident Peter Fischer eindeutig Stellung gegen die AfD und die rechtspopulistischen Auswüchse in unserer Gesellschaft, ist dann schnell die Rede von der politischen Neutralität des Fußballs und überhaupt, es gebe ja schließlich auch die Meinungsfreiheit und schlussendlich stünde da vorrangig die Politik in der Verantwortung. Nicht alle über einen Kamm scheren ... und der Peter Fischer neige ja ohnehin zur exaltierenden Übertreibung. Genau dieses Relativieren ist das Problem.

So was kommt von so was ... und wer nichts dagegen unternimmt, wird selbst ein ursächlicher Teil des Problems. Der deutsche Nationalspieler Antonio Rüdiger brachte es im Sommer letzten Jahres im Zusammenhang mit seiner Forderung nach härteren Strafen für Rassismusvorfälle in Stadien auf den Punkt: "Wenn sie das nicht tun, sind sie genau wie die Leute, die es machen." Auch Fußballvereine müssen sich klar und explizit politisch (!) gegen den Rechtspopulismus einer Partei wie der AfD positionieren, der heute ohne Zweifel die grundlegende Ursache für den längst überwunden geglaubten und nun wieder offen vorgetragenen Rassismus in unserer Gesellschaft und in den Fußballstadien darstellt. Der DFB und die DFL müssen dazu endlich konsequente Sanktionen, vom Punktabzug bis hin zum Lizenzentzug, gegen die Vereine verhängen, denen es nicht gelingt, rassistisches und fremdenfeindliches, sowie auch homophobes und sexistisches Verhalten auf ihren Tribünen und auf dem Fußballplatz zu verhindern. Sonst ändert sich daran rein gar nichts.

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