Brexit-Football

von Bernhard Ubbenhorst -

Die Folgen des EU-Austritts für den Fußball in Großbritannien sind nicht zu unterschätzen. Die Befürworter des Brexits haben vermutlich, wie so vieles, auch das nicht bedacht.

Bei den Fans der Premier-League-Clubs macht der nicht ganz ernst gemeinte Begriff des „Brexit Football“ bereits die Runde. Er beschreibt mit einem Augenzwinkern die Mannschaften, die mit einem britischen Manager und nahezu ausschließlich britischen Spielern einen hochaggressiven und athletischen Einbahnstraßenfußball im 4-4-2-System zelebrieren. Manchmal wird der Stil auch als „Hoofball“ oder „Parking the Bus“ umschrieben. Dieser „Brexit Football“ sei dabei nicht mit dem von alten Vorurteilen bekannten „Kick-and-rush“ zu verwechseln, da er im Gegensatz zum englischen Fußball der 1960er-/70er-Jahre nicht dem Zufall sondern einem sehr wohl durchdachten Plan folge. Und mit diesem Plan hielten sich in der Premier-League gleich mehrere Vereine der unteren Tabellenhälfte seit einigen Jahren erfolgreich über Wasser. Das überzeugendste Beispiel für die Brexit-Football-Theorie sei der Burnley FC mit seinem Manager Sean Dyche, dem wahren König des Brexit-Footballs.

tl_files/propheten_dark/stories/16 _ 7_ Blog im Juli/Burnley_F.C._1920-21.jpgDyche vertraut fast nur solch gestandenen, britischen Männern, wie er selbst auch einer ist. Und das durchaus erfolgreich. Für die Meisterschaft, so wie die in der Saison 1920/21, vor exakt 100 Jahren (siehe Foto), wird es für den Burnley FC auf diese brachiale Art und Weise aber in naher Zukunft kaum jemals reichen. Auch von den größeren Europäischen Schauplätzen hält man sich so, ganz Brexit-like, meist fern. Es sei denn die Folgen des Brexits schlagen auch auf all die etwas erfolgreicheren Premier-League-Clubs durch, die durchweg mit Spielern der Sonderklasse bestückt, jedes Jahr erneut um die Meisterschaft und die Champions-League-Plätze mitspielen können. Doch die haben mit besten Kontakten zur FA zumindest für die Manager und Starspieler ihrer Gehaltsklasse die Brexit-Folgen in puncto Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis auf ein Minimum reduziert. Die finanziell weniger betuchten Vereine werden diese aufenthaltsrechtlichen Hürden für ausländische Spieler jedoch nicht in jedem Fall so einfach überwinden.

Über Boris Johnsons Wahlspruch: “Taking back control again!” können, wie in anderen Branchen, auch im britischen Fußballgeschäft viele nur noch lachen. Es ist ja nicht so, wie bei den Fischen. Die in den britischen Gewässern sind laut Brexit-Hardliner Jacob Rees-Mogg alle glücklich über den Brexit: “The key is that we’ve got our fish back. They’re British fish and they’re better and happier fish for it,” erklärte er den Sachverhalt. Als ob sich irgendwelche Fische irgendeiner Nationalität glücklich zugehörig fühlten. Bei den Fußballstars in den Premier-League-Vereinen sieht das anders aus. Sie haben eine Nationalität, aber oft nicht die britische. Häufig liegt ihr Heimatland in der auf der Insel nun nicht mehr sehr wohlgelittenen EU. Für europäische Spieler gelten seit dem vollzogenen Brexit heute die gleichen strengen Aufenthaltsbestimmungen wie für die Fußballstars aus dem Rest der Welt. Es sei denn…. und da kommen die von der FA ausgehandelten Sonderregeln zum Zuge. Die sind recht umfangreich und kompliziert mit zahlreichen Ausnahmeregelungen ausgeführt aber im Grunde doch ganz einfach.

Die Zulassung potenzieller Neuzugänge berechnet sich nach einem Punktesystem. Spieler und auch Trainer aus Ländern der EU sind umso willkommener, je mehr Erfolge sie in ihren Heimatländern aufweisen können. Die füllen das Punktekonto. Nationalspieler, wie etwa die deutschen Timo Werner oder Kai Havertz, dürften auch in Zukunft keine großen Probleme haben, in der Premier League zu spielen. Sie bekommen das notwendige, von der FA ausgestellte, sogenannte „Governing Body Endorsement“ für die Ausübung ihres Berufs in Großbritannien problemlos erteilt. Und Trainer vom Kaliber eines Jürgen Klopp oder eines Thomas Tuchel sind auf der Insel natürlich auch weiterhin willkommen. Wer jedoch zukünftig als EU-Fußballspieler nicht aus einem Fifa-Land mit Rang und Namen kommt und mit einem Engagement in den niederen britischen Ligen auf den großen Durchbruch hofft, der bekommt zukünftig kaum noch eine Chance dazu. Die Geschichte der englischen Premier League kennt zahlreiche Spieler, die sich einst als Nobodys vor allem von Skandinavien oder Ost- und Südeuropa aus auf den Weg nach Großbritannien machten und dort später als Stars gefeiert wurden. Diese Spieler werden einigen klammen Clubs in den unteren Ligen zukünftig bitter fehlen.

Auch die lange Tradition des Wechsels junger Talente aus der Republik Irland in die Fußballakademien der reichen, britischen Clubs, hat mit dem Brexit nun ihr Ende gefunden. Der irische Fußballverband hat deshalb bereits vorsorglich mit dem Aufbau eigener, professioneller Talentschmieden begonnen, da die Ausbildung minderjähriger irischer Fußballtalente, etwa in England oder Schottland, ohne den gleichzeitigen, an ein Arbeitsverhältnis gebundenen Aufenthaltsstatus der Eltern, unmöglich geworden ist. Die Iren befürchten zukünftig ohne die professionelle Ausbildung ihrer Talente als Fußballnation ins Hintertreffen zu gelangen. Irische Top-Spieler wie Damien Duff, Robbie Keane oder Liam Brady sind schließlich auch in jungen Jahren in britischen Fußballakademien ausgebildet worden. Nach dem Brexit können irische Talente erst mit der Volljährigkeit auf die größere Insel auf der anderen Seite der Irischen See wechseln, in einem Alter, in dem es für die Ausbildung zum Profi eigentlich bereits zu spät ist.

Diese Probleme sind den Topvereinen in anderen europäischen Ländern nicht entgangen. Das 16-jährige Stürmertalent Kevin Zefi von den Shamrock Rovers aus Dublin wird den Meldungen nach daher bereits von den Jugendakademien in Vereinen wie PSV Eindhoven oder Juventus Turin umworben. Vor dem Brexit wäre das kaum denkbar gewesen, dass ein irischer, hochtalentierter Jugendspieler zur Ausbildung nicht zu einem Verein in England, Schottland oder Wales gewechselt wäre. Ein ähnliches Problem hätte zukünftig auch den Jungkickern aus Nordirland die Karriereplanung durcheinanderbringen können. Bei der Fifa gilt für den Sonderstatus Nordirlands nach dem Brexit das gleiche Procedere wie für alle anderen EU-Länder. Diese für Nordiren hochbrisante Angelegenheit nationaler Tragweite konnte die Fifa mit einer Sonderregelung für minderjährige Fußballtalente aus Nordirland gerade noch so entschärfen. Auch zukünftig können Talente aus Nordirland zur Ausbildung auf die große Insel wechseln, so wie etwa Ethan Galbraith, vor zwei Jahren, 16-jährig von Linfield zu Manchester United oder auch Charlie Allen, ebenfalls 16-jährig und von Linfield, zu Leeds United im letzten Jahr.

Auch beim Fußball zeigt sich so: Der Brexit schafft mehr Probleme als er löst. Mit genügend Geld und den richtigen Beziehungen werden sich die Big-Five (oder Big-Six) der Premier League auch nach dem Brexit noch die talentiertesten Jugendspieler aus Europa, Südamerika oder Afrika sichern können. Sie kaufen die Eltern einfach gleich mit ein. Für den Rest, und das vor allem auch in den unteren Ligen, gilt ab sofort, sich bei der Talentsichtung und der Akquise günstiger, fertig ausgebildeter Fußballer nur noch auf den britischen Markt zu konzentrieren und auch mehr in die eigenen Fußballakademien zu investieren. Letzteres wäre ja ein durchaus positiver Brexit-Effekt, da er den britischen Talenten mehr Raum zur Entfaltung böte. Was dabei in ein paar Jahren herauskommt, wird man ja sehen. Der etwas hölzerne „Brexit Football“ á la Burnley FC wird aber mit Sicherheit auch weiterhin dazugehören.

 

 

 

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