Doomsday in Macclesfield

von Bernhard Ubbenhorst -


Mit dem Macclesfield Town F.C. verschwindet in England abermals ein Traditions-Club in der Versenkung. Was ist dort passiert?

Das Jüngste Gericht für den 1873 gegründeten Fußballclub aus Macclesfield mit dem Urteil der Verbannung in die ewige Verdammnis fand am High Court in London statt. Richter Sebastian Prentis lud die Beteiligten im Insolvenzverfahren des Macclesfield Town F.C. Corona-bedingt nicht zum Sitz des High Court in die Londoner Fetter Lane vor, sondern zog in einer virtuellen Anhörung Mitte September den endgültigen Schlussstrich unter die 146 Jahre dauernde Vereinsgeschichte. Und nach Ablauf einer letzten Gnadenfrist gingen am 12. Oktober im Moss Rose Football Ground an der London Road in Macclesfield, einem der ältesten Stadien Englands überhaupt, dann endgültig die Lichter aus.

Macclesfield, ein beschauliches Städtchen mit etwa 52000 Einwohnern, liegt südlich von Manchester am östlichen Rand des Cheshire Plain. Seidenfabrikanten haben die Stadt einst reich gemacht, was sich im Nickname „Silkmen“ des Macclesfield Town F.C. widerspiegelt. Der Reichtum scheint sich irgendwie gehalten zu haben, denn der Ort gehört laut einer Statistik zu den 10 britischen Städten mit den wohlhabendsten Einwohnern. Der letzte Eigentümer des dortigen Fußballclubs, Amar Alkadhi, gehörte offensichtlich nicht dazu. Sonst hätten ihn die Gesamtverbindlichkeiten von über 500.000 Pfund Sterling, die letztlich zur Insolvenz führten, wohl kaum gejuckt. Die Schuldenlast des Clubs bestand hauptsächlich aus Steuerschulden und Schulden an Spielern und Managern.

Der 1970 aus Irakisch-Kurdistan mit seinen Eltern nach Großbritannien ausgewanderte Alkhadi ist in London als Unternehmer in der Telekommunikationsbranche unterwegs. Zweifel an seiner Liquidität und an seinem ehrhaften Engagement für den Club wurden schon vor einigen Monaten in Fan-Kreisen kolportiert. Dem Text einer Petition nach, die Alkhadi wegen der finanziellen Schieflage zur Remission bewegen sollte, sind einige Details zu entnehmen. Von insgesamt neun Unternehmen die Alkhadi bisher führte, seien heute nur noch vier aktiv, wobei er aus zweien dieser Unternehmen bereits ausgeschieden sei. Eine der verbliebenen Zwei sei die Firma Ramy Ltd., der man auch die Eigentümerschaft am Macclesfield Town F.C. zuschreiben könne, sowie die Verwaltung der Club-Finanzen. Der Mann sei entweder nicht solvent genug oder schlichtweg unfähig einen Fußballclub zu führen.

Das Engagement der Fans zur Rettung des Clubs – „Silkmen till‘ we die!“ – verlief dennoch erfolglos. Den ungeliebten Eigentümer wurde man zwar los, doch ihren geliebten Club leider gleich mit. Dabei sind sie ja eigentlich immer mit recht wenig zufrieden gewesen. Der Verein wollte nie besonders hoch hinaus. Die sportlichen Höhepunkte sind schnell aufgezählt. Ein paar FA-Cup-Erfolge hier und einige Siege gegen den Lokalrivalen Altrincham da. Nichts, was die nationale Presse in Wallung versetzt hätte. Nicht zu vergessen, dass das Stadion Moss Rose mit einer Höhe von 512 Fuß über dem Meeresspiegel zu den fünf am höchsten gelegenen Stadien in Großbritannien zählt. Und bemerkenswert ist auch, dass Peter Crouch, als gebürtiger Macclesfielder, mit einer Körpergröße von 2, 01 Meter der mit Abstand größte englische Nationalspieler aus der Gegend sein dürfte. All das interessiert dort tatsächlich niemand.

Man ist in Macclesfield stolz auf die Vergangenheit im Non-League-Football und auch auf die Zeiten als Football-League-Club, in denen sich ehemalige Profis wie Sol Campbell, Paul Ince und Keith Alexander dort als Manager ausprobieren durften, denen das nicht zuletzt aufgrund ihrer Hautfarbe damals anderswo verwehrt blieb. Dort sind die Anhänger immer stolz gewesen auf die Bodenständigkeit ihres Vereins. Wie es der Guardian in einem Artikel beschrieb: „Die Anhänger sind die Leidtragenden der Insolvenz. Der Macc-Fan träumt nicht von der Champions League oder davon Gareth Bale auf Pump zu verpflichten. Nichts von dem. Die eisigen Nachmittage mit Freunden auf den Rängen am Star Lane End ihres Stadions oder der 500-Meilen-Trip im Bus nach Torquay, das ist es, was sie vermissen werden.“ Just Football! Ansonsten nichts.

Die Macclesfield-Vereinslegende Danny Whitaker brachte es kürzlich in einem Interview mit BBC Sports auf den Punkt: „Seinen Club zu verlieren, fühlt sich an als ob ein Familienmitglied gestorben sei. Dass das in Macclesfield tatsächlich mal passiert, hätte ich mir in Millionen und Trillionen von Jahren nicht träumen lassen.“ Über die Gründe für diesen Verlust lässt sich auch seiner Ansicht nach nur spekulieren. Dass in einer Stadt, in der überwiegend sehr Wohlhabende leben, ein Traditionsclub an einer halben Million Pfund Schulden zugrunde gehen kann, das habe dort zuvor niemand für möglich gehalten. Die Corona-Krise und die fehlenden Zuschauereinnahmen wurden schnell zur Erklärung bemüht. Was bei einem üblichen Zuschauerdurchschnitt von 2000 im etwa 6350 Fans Platz bietenden „Moss Rose“-Stadion kaum stichhaltig sein dürfte.

Der „New Order“-Schlagzeuger und Silkmen-Fan Stephen Morris sieht die Ursache eher in den strukturellen Problemen seiner Heimatstadt. Dem Guardian gegenüber sagte er zur Insolvenz des Vereins: „Macclesfield, der einst blühenden Industriestadt, ist irgendwo im Laufe der Zeit das Adjektiv ‚blühend‘ verloren gegangen. In der High Street dominieren Läden mit zugenagelten Fenstern. Der Fußballverein scheint nun wie das alte Majestic-Kino und die vielen geschlossenen Pubs an der London Road, die zum Moss Rose führen, auch dazu bestimmt zu sein, der Stadt für Immer verloren zu gehen.“

Das „für Immer“ scheint sich, den neuesten Nachrichten zum Thema nach, nun etwas zu relativieren. Ein Unternehmer namens Robert Smethurst, auch Eigentümer des benachbarten Vereins Stockport Town F.C., hat vor einigen Tagen die Insolvenzmasse des Clubs samt Stadion übernommen und plant die Gründung eines sogenannten Phönix-Vereins als Nachfolge-Club. Der solle dann Macclesfield F.C. heißen und in der nächsten Saison ganz unten, in der North West Counties Football League, von neuem beginnen. Als Fachmann holt er sich angeblich den ehemaligen walisischen Nationalspieler Robbie Savage mit ins Boot, der bis zur letzten Saison noch in Stockport aktiv war, und der bereits erwähnte Danny Whitaker sei als Manager vorgesehen. Ob es Smethurst gelingt, den Club aus der ewigen Verdammnis zurückzuholen und zu alter Größe zu bringen, darf bezweifelt werden. Sein anderer Verein, den er seit 2014 sein Eigen nennt, der Stockport Town F.C., ist jedenfalls bisher noch nicht über die zehnte Liga bei seinen Bemühungen hinausgekommen.

 

 

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