Fimpen, Adu, Moukoko & Co.

von Bernhard Ubbenhorst -

Yossoufa Moukoko gab im zarten Alter von 16 Jahren und 1 Tag beim letzten Auswärtsspiel gegen Hertha BSC sein Bundesliga-Debüt für Borussia Dortmund. Ganz schön jung. Doch da gab es im Profifußball noch weitaus jüngere…

Ein Blick zurück! Alter Schwede! Das Zweitrundenspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Schweden bei der WM 1974 war ein echter Härtetest und stand lange auf der Kippe. Die Schweden wehrten sich mit Mann und Maus, bis Grabowski in der 78. Minute dann das erlösende 3:2 erzielte und Hoeneß mit einem verwandelten Foulelfmeter in der 89. Minute schließlich alles klar machte. Nach einer Auftaktniederlage gegen Polen war für die sympathischen Skandinavier damit der Traum vom Finale ausgeträumt. Wer weiß, wie es ausgegangen wäre, wenn die „Tre Kronor“ damals mehr auf die Jugend gesetzt hätte. Mit „Fimpen, dem Knirps“ etwa, wäre es vielleicht anders gelaufen. Nicht das die bei der WM eingesetzten schwedischen Spieler sonderlich alt gewesen wären, doch so ein formidabler Jungspund wie „Fimpen“ hätte vielleicht doch den Unterschied ausgemacht.

„Fimpen, der Knirps“ hieß eine 1974 von Bo Widerberg gedrehte Fußballkomödie in der der sechs Jahre alte Hauptdarsteller Johan Bergmann den „Fimpen“ spielt, der nichts anderes als Fußball im Kopf hat. Auf einem Bolzplatz dribbelte Fimpen den Stürmer „Mackan“ vom lokalen Verein Hammerby IF so schwindlig, dass der hinterher von Depressionen geplagt seine Karriere beendete. Fimpen, der Knirps, schaffte es dann auf Anhieb Mackan bei Hammerby IF zu beerben und avancierte dort gleich zum Stürmerstar. Das Märchen endet, nachdem Nationaltrainer Georg Ericsson ihn für die WM-Qualifikation nominierte und diese dank Fimpens außerordentlichem Talent vielumjubelt schließlich auch erreicht wurde. Der Film wird seinem sozialkritischen Anspruch, die Leistungsgesellschaft im Sport zu karikieren, nicht sehr gerecht, ist aber lustig anzuschauen. Auch wenn man das nur aus nostalgischen Gründen tut, um Ronnie Hellström oder Roland Sandberg und wie sie alle heißen nochmal in Aktion zu sehen. Die haben sich nämlich, wie auch der Trainer „Åby“ Ericsson, in diesem Film selbst gespielt.

Der Dortmunder Youngster und zukünftige Stürmerstar Youssoufa Moukoko ist mit 16 Jahren zwar beileibe kein Knirps mehr, doch sein in sehr jungen Jahren wahrgewordener Traum vom Profifußball dürfte aktuell sehr wohl auch in den Köpfen zahlreicher viel jüngerer Knirpse rumspuken. Sowie Fimpen, der Knirps, damals 1974, ganz ähnliche Träume bei schwedischen Kindern geweckt haben dürfte. Etwa bei Lisa und Lasse, Bosse und Britta und Inga und Ole, in Bullerbü oder Malmö, und auch anderswö. Dieses Prädikat, der jüngste aller Zeiten gewesen zu sein, könnte dem jungen Youssoufa in Dortmund zukünftig noch vor die Füße fallen. Die Fußballhistorie ist reich an solchen hoch gelobten Wunderkindern, die dann in sehr kurzer Zeit doch wieder dem Vergessen anheimgefallen sind. Aber wer bin ich denn, hier gleich mit der fußballsystemkritischen Keule zu schwingen? Das hat der Kabinenprediger Philipp Köster ja schon im Stern vorletzte Woche mit seinen pastoralen Forderungen zum Jugendschutz im Fußball eindringlich erledigt. Und was heißt schon Jugend? Da gibt es doch tatsächlich einige, die in mitunter weitaus jüngeren Jahren als Moukoko zu ihrem ersten Profifußballeinsatz gekommen sind.

Beginnen wir in altersabsteigender Reihenfolge mal mit Ashley Chambers, der 2005 im Alter von 15 Jahren und 203 Tagen sein erstes Profispiel für Leicester im League-Cup gegen Blackpool bestritt. In der letzten Saison spielte er, bereits 30-jährig, bei den Kidderminster Harriers und dockte danach bei Brackley Town an. Chambers‘ Jüngster-aller-Zeiten-Rekord verhalf ihm anscheinend nicht zum großen Durchbruch. Auch seine Altersbestmarke als Jungprofi hielt sich nur bis zum 25. September 2018. Damals wurde Harvey Elliott im Alter von 15 Jahren und 174 Tagen in der ersten Mannschaft des FC Fulham beim 3:1-Sieg gegen Millwall FC in der dritten Runde des League Cups in der 81. Spielminute eingewechselt. Zu dieser Zeit standen Schulprüfungen an und Elliots Vater expedierte seinen Sohnemann direkt nach dem Spiel mit dem Zug wieder nach Hause. Nicht ohne den Mitreisenden fürsorglich mitzuteilen, dass der Bengel – keine Sorge – auf jeden Fall am nächsten Tag wieder in die Schule ginge. Kurz darauf wurde er dann, als 16-jähriger Spieler beim Liverpool FC, von Jürgen Klopp in einem League-Cup-Spiel gegen die Milton Keynes Dons sogar in die Startelf berufen.

In der English Football League glänzte dann noch ein gewisser Reuben Noble-Lazarus 2008 in noch jüngerem Alter als Jugendstar, der erstmals für Barnsley im Alter von 15 Jahren und 45 Tagen auflief. Er brach damit den seit 1929 bestehenden Jugendrekord von Albert Geldard, der mit 15 Jahren und 158 Tagen, also nur wenig älter, für seinen Verein Bradford FC in einem Spiel gegen Millwall FC debütierte. Anderswo auf der Welt waren manche Fußballer sogar noch jünger bereit für solche Fußballträume. Der bekannteste ist vermutlich Sergio Agüero, der als jüngster Spieler aller Zeiten in der argentinischen Primera División geführt wird, in der er für Independiente im Alter von 15 Jahren und 35 Tagen erstmals auflief. Ebenfalls in Südamerika, in Peru, debütierte 2001 ein gewisser Fernando Garcia im Alter von 13 Jahren für seinen Verein Juan Aurich FC in der ersten Mannschaft. Und kaum noch zu toppen ist ein Rekord aus Bolivien im Jahre 2009. Der Mittelfeldspieler Mauricio Baldivieso war erst zarte 12 Jahre alt, als sein Vater Julio Cesar Baldivieso, der Cheftrainer von Club Aurora, ihn im Juli 2009 erstmals bei den Profis von der Ersatzbank aus auf das Feld schickte. Die Konkurrenz auf der Bank muss entweder erbärmlich gewesen sein oder der Vater wollte seinem Junior nur eine Freude machen. Die war aber nicht auf seiner Seite, denn für die gegnerischen Verteidiger war die Einwechslung dieses Knirpses ein Affront, was sie den armen Mauricio auch spüren ließen. Später schaffte der es dennoch in die Jugendauswahlmannschaften Boliviens und ergatterte dann bei Club San José einen Profi-Vertrag.

Auch der jüngste Nationalspieler aller Zeiten ist, zumindest für die Fifa, verifiziert und aktenkundig, ein gewisser Souleymane Mamam. Der soll im Mai 2001 im Alter von 13 Jahren und 310 Tagen für die „Les Éperviers“ (die Sperber) aus Togo in einem Länderspiel gegen die „Chipolopolo“ (die Gewehrkugeln) aus Sambia zum Einsatz gekommen sein. 2007 nahm Manchester United ihn unter Vertrag, um ihn dann umgehend wieder an seinen vorherigen Verein Royal Antwerpen auszuleihen. Auf der Rückreise nach Belgien ist er auf magische Weise plötzlich um zwei Jahre gealtert, insofern das bei den Antwerpenern aktualisierte Geburtsjahr von 1985 keinen Irrtum darstellte. Somit war der junge Souleymane doch schon mindestens 16 Jahre alt, als er für Togo sein erstes Länderspiel bestritt.

In Sachen Fußball ebenso frühreif war der in Ghana geborene US-Amerikaner Freddy Adu unterwegs. 2002, im kindlichen Alter von 12 Jahren in Washingtons Presse bereits als Reinkarnation des berühmten Pelé gepriesen, musste er noch bis zum 14 Lebensjahr warten, um dann bei DC United seinen ersten Profivertrag zu unterzeichnen und mit 15 schließlich für den Soccer-League-Club auch sein Debüt zu geben. Der in der Folge wenig erfolgreiche Freddy Adu musste seither immer wieder als Negativbeispiel herhalten, wenn die Mahner und Warner bei dem allzu großzügigen Verteilen von Vorschusslorbeeren bei jungen Spielern ihr Wort erheben.

So einen jungen Profi-Knirps wie Fimpen wird es in der Realität trotz Jugendwahn aber dann doch wohl eher niemals geben. Auch in Schweden nicht. Im Gegenteil. Zlatan, der 39-jährige beim AC Milan gerade wieder in Höchstform spielende Oldtimer, hat nämlich gerade im Sinn, den Rekord des ältesten Nationalspielers aller Zeiten bei internationalen Turnieren in Angriff zu nehmen. Noch zögert der schwedische Nationaltrainer, aber, selbst wenn er Ibrahimovic für die EM 2021 noch nominieren sollte, müsste der Zlatan sich noch viele weitere Jahre fithalten. Den Rekord hält nämlich seit der WM 2018 der ägyptische Torhüter Essam El-Hadary, der bei seinem Einsatz gegen Saudi-Arabien exakt 45 Jahre und 161 Tage alt war. Aber das dürfte einen wie Zlatan natürlich keinesfalls abschrecken.

 

 

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