Kickleibchen und Rosarot

von Bernd Sautter -

HSV, Real Madrid, Chelsea, Hoffenheim, Linz, Palermo sowieso. Ist das Comeback von Rosa ein gutes Zeichen? Über die märchenhafte Auferstehung der Farbe Rosa.

Klarer Fall von Komplementärkontrast: Rosa auf dieser Seite des Farbkreises – Fußball auf der anderen. Warum eigentlich? Schließlich leuchten rosa Trikots auf grünen Rasen ganz wunderbar. Da erkennt man jeden Mitspieler, sogar im Dezembernebel. Ein sky-Reporter erwähnte kürzlich bei einem Chelsea-Spiel, dass man die Blues an den Trikots erkennen würde, "die in den Augen wehtun". Die Blues neuerdings gern in rosa. Jetzt will ich mich nicht in Geschmacksfragen einmischen. Doch durch meine Augen betrachtet, stelle ich fest: Ob Rosa, schreiendes Textmarkergelb oder brennendes Baustellenorange – meine Zäpfchen drehen bei allen Knallfarben durch. Ich muss das wissen. Wenn Du in Baden-Württemberg die Schule bis zum Schluss aussitzt, hast Du mindestens fünfmal das Auge auf dem Lehrplan gehabt. All die eskalierenden Farben waren in den Neunzigern der heißeste Heuler auf dem Platz. Rosa nie. Bochum trug zu Wettgemeinschaft-Faber-Zeiten den gesamten Farbkreis auf dem Trikot. Alles außer Rosa. Hundert Jahre Fußball – ohne Rosa – und auch ohne Rosé, Pink, Lachsrosa, Perlrosa und Altrosa. Rot mögen sie alle. Rote Teufel, Rot-Weiß Trallala, Rothosen, Rot. Überall sieht man rot. Aber fein gedämpftes Rosa: Weicheivariante. In ganz Europa gibt es nur einen Traditionsklub, der sich plakativ zur fußballerischen Gehtgarnicht-Farbe bekennt: US Palermo. Zwangsrelegiert vor der letzten Saison. Gut, dass wenigstens die Palermo-Nachfolgegründung die Farbe übernommen hat. Sonst wäre die Ausnahme von der Rosa-Regel futsch gewesen.

Rosa Revival?

Stellen wir die Antwort zurück und beginnen bei Kapital eins. In der Saison 76/77 wollte der große Businessmogul und HSV-Generalmanager mehr Frauen ins Stadion locken. Der Zirkus Krohn lief plötzlich mit rosa und babyblauen Trikots auf. Aber hallo, Aufsehen garantiert. "Das gefällt den Frauen", wusste Dr. Krohn. Ob die Damen in Scharen den Volkspark stürmten, ist nicht überliefert. Sicher ist eines: Das HSV-Rosa hat sich ins ewige Gedächtnis der deutschen Sehnerven gegraben.

Kapitel zwei handelt von Grün. Nicole Selmer hat die grüne Anekdote von 2006 festgehalten. Für Rosa nicht unwichtig. Keine 15 Jahre ist es her, dass der blau-schwarze 1.FC Saarbrücken sein Heimspiel gegen die Sportfreunde Siegen zum Frauentag erklärte. Weibliche Fans hatten freien Eintritt. Der Stadionsprecher hatte sich eine ganz besondere Begrüßung ausgedacht: "Liebe Frauen. Das Grüne da unten ist der Rasen. Das Weiße sind die Tore. Das Rote, das ist der Gegner Sportfreunde Siegen. Jubeln dürft ihr erst, wenn unsere Jungs ein Tor gemacht haben."

Jetzt wieder Rosa, praktisch Kapitel drei. Gesellschaftliche Dimension. Kinder und Fußballfans haben eines gemeinsam: Rosa gefällt ihnen nicht von Haus aus. Fans können sich wehren. Jugendliche werden konditioniert. Nicht nur auf Rosa, sondern auf Geschlechterrollen. Vor rund zwanzig Jahren avancierte Rosa zur schillernden Signalfarbe des Gender-Marketings. Mit märchenhaft rosa Sachen machte man nicht nur Umsatz, sondern definierte ganz nebenbei auch die Rolle der Frau. Da waren zwei Schubladen. Mädchen erkannte ihre von weitem an Prinzessinnen-Rosa. Der gemeine Fußballfan fühlte sich bestätigt. Damals hatten die frisch eröffneten Fanshops stets eine rosa Abteilung, prall gefüllt mit feinstem Girlie-Zeugs. Der Mist hielt sich hartnäckig, obwohl die Kollektion in den Stadien selten zu sehen waren. Der Verdacht: Käufer waren überwiegend Klischee-Männer. Als Geschenk. Dabei war es dem großen Teil der weiblichen Fans echt zu peinlich. Apropos: Sturm Graz druckte für Zuschauerinnen rosa Tickets.

Ey Alter, Rosa geht garnich.

Kapitel vier. Rosa Widerstand. Die Merchandiser bekamen kräftigen Gegenwind aus der Fankultur. Die Farben des Vereines stehen eben für Tradition und Identität. Warum also rosa für die Frauen? Nicole Selmer stellt fest: "Fans sind rot-weiß, schwarz-gelb oder blau-weiß. Frauen sind rosa. Bei Eintracht Frankfurt, Fortuna Düsseldorf und Borussia Dortmund gab es gegen diesen Sexismus Proteste mit Parolen wie "Stoppt Rosa" oder "Ey Alter, Fortuna ist rot-weiß". Tatsächlich sind die peinlichen Kollektionen inzwischen aus den meisten Fanshops verschwunden. Nicht aus allen.

Und plötzlich, seit dieser Saison, fünftes und letztes Kapitel: So viele Vereine, die ihre Spieler in Rosa auf den Platz schicken. Im Blickpunkt steht das sogenannte "Third", das Ausweichtrikot des Ausweichtrikots. Hoffenheim spielt Europaleague pretty in pink. Der HSV feiert sein Siebziger-Revival. Real Madrid verliert in Altrosa. Barca holt in der selben Farbe ein Untentschieden. Juve wieder mal ganz rosa. Chelsea kombiniert rosa locker mit blau – so locker, dass die Augen schmerzen. Der LASK Linz kommt komplett in zartrosa daher. Mein Notruf erreicht den Propheten Stefan Appenowitz. Stefan hat mit "Bundesligatrikots 1963 bis heute" einen Klassiker geschrieben. Keiner kennt sich so gut aus wie er.

Erstmal Grundlagenwissen. Stefan erklärt, dass das dritte Trikot keine Vereinsfarben tragen darf. Per Regel. Manche Vereine kümmern sich kaum darum – oder folgen beim dritten Trikot den Ratschlägen ihrer Ausrüster. Auf diese Weise ist Werder einige Spielzeiten lang zu Kappa-Grün-Orange gekommen. Übrigens in der Blütezeit des Gender-Rosa. Auch die aktuelle rosa Phase ist kein Zufall. Die Farb-Experten der Ausrüster haben wohl Rosatöne als Marktlücke ausgemacht. Wenn Real, Barca und Chelsea ihr "Third" in Rosa kleiden, muss was dran sein. Sie taten das schon vor rund zwei Jahren. Stefan erzählt, solche Design-Entscheidungen fallen üblicherweise anderthalb Jahre vor der Trikotpräsentation. Übrigens: Der changierende Rosa-Blau-Verlauf ist aktuell das heiße Ding bei Webdesigern. Vielleicht ist was dran an der Trendforschung, von der wir alle hofften, sie wäre ausgestorben.

Zwei Interpretationen rosa

Mal abgesehen davon, dass jedes Zäpfchen anders funktioniert. Wie soll man die aktuelle Rosa-Phase bewerten? Das ist natürlich Geschmackssache. Die positive Sichtweise: Mit rosa Trikots tragen Vereine und Ausrüster dazu bei, die lästigen Reste des Gender-Marketings wegzukehren. Ob Männlein oder Weiblein. Rosa ist für alle da. Der Gender-Unterton ist übertüncht, die signalrosa Rollenverteilung überwunden. Oder doch nicht? Die negative Sichtweise: Geschichte wiederholt sich. Tief in ihrer Seele denken die angeblichen Trendforscher eben wie einst Dr. Peter Krohn vor einem halben Jahrhundert. Darauf ein "Forza Palermo!"

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