Unter Männern

von Bernhard Ubbenhorst -

Die von Thomas Hitzlsperger gegen den VfB-Vereinspräsidenten Claus Vogt angezettelte Fehde ist nach einem Gespräch „unter Männern“ angeblich schon wieder beendet. Doch so einfach ist das nicht…

Die Schlussworte zu einem Kampf „unter Männern“, in dem es nur Verlierer geben konnte, sind in Twitter-Zeiten schnell zitiert: "Hatte mit Thomas Hitzlsperger heute ein Gespräch unter Männern. Es ist zuletzt einiges nicht gut gewesen. Wir suchen jetzt beide nach einem gemeinsamen Weg im Sinne des Klubs", zwitscherte der eine, "Waren nicht die besten Tage, die hinter uns liegen, aber das heutige Gespräch mit Claus Vogt stimmt mich zuversichtlich, dass wir die anstehenden Aufgaben im Sinne des VfB lösen", zwitscherte der andere.

So ein „Gespräch unter Männern“ hat ja etwas Archaisches. Ein solches Gespräch duldet in seiner Beschlusskraft keinen Zweifel anderer an dem Ergebnis. Peace! Egal wie gravierend die gegenseitige Ehrabschneidung zuvor auch gewesen sein mag. Beim VfB Stuttgart herrscht nun so etwas wie ein „Burgfrieden“. Der Vereinsbeirat hat beiden Kontrahenten und potenziellen Präsidentschaftskandidaten dazu noch einen Maulkorb umgehängt. Vorsichtshalber!

Auch wenn das Neckarstadion aufgrund der etwas durchwachsenen Heimbilanz des VfB gerade keine richtige Burgfestung ist, passt das schöne altdeutsche Wort „Burgfriede“ perfekt zur momentanen Situation am Cannstatter Wasen. Wenn sich im Mittelalter ein despotischer Burgherr von seiner Macht verabschiedete, sei es durch den schnöden Tod im Bett, den etwas heroischeren auf dem Schlachtfeld oder durch den einfachen Umstand, dass die Untertanen seiner überdrüssig wurden und ihn mit Schimpf und Schande vom Hof jagten, lieferten sich die potenziellen Erben mit meist blutigen Fehden einen Kampf um die zukünftige Macht in der Burg. Da diesem archaischen Gemetzel oft nicht nur die Kontrahenten selbst, sondern mit ihnen gleich die ganze Burg zum Opfer fiel, schlossen die mittelalterlichen Adligen sogenannte „Burgfriedensverträge“, bis die Erbfolge in gegenseitigem Einvernehmen geklärt war. Selbst echte Ehrenmänner hielten sich dann jedoch selten an solch einen Burgfrieden und suchten ihr Heil weiterhin in diversen Ränkespielen, um sich im Werben um die Gefolgschaft der Untertanen einen entscheidenden Vorteil zu verschaffen oder gleich durch weiteres Hauen und Stechen finale Fakten zu schaffen. Koste es, was es wolle. War der Fehdehandschuh einmal geworfen, gab es meistens kein Zurück. Burgfriede hin oder her. Es kann nur einen geben.

Thomas Hitzlsperger hat gleich zu Beginn als erster diesen Fehdehandschuh geworfen. Er hält sich in diesem Machtkampf, von sich überzeugt und mit breiter Brust, aufgrund zahlreicher und sogar mit Orden entlohnter Frondienste auf den unterschiedlichsten Schlachtfeldern dieser Fußballwelt für den einzig legitimen Nachfolger eines Erbes, das ein bei den Fans höchst unbeliebter Expräsident vor Jahr und Tag hinterlassen hat. Letzterer war es ja schließlich auch, der ihn mit seinem Hofstaat protegiert und ihn, als vollkommen Unerfahrenen, in alle wichtigen Dinge eingewiesen hatte: In die hohe Kunst der Vereinsführung samt Verwalten und Vermehren des Vermögens sowie vermutlich auch in eine möglichst undurchschaubare Rabulistik zur Zufriedenstellung des gemeinen Vereinsvolkes. Dem hochdekorierten Helden flogen die Herzen der Fan-Basis nur so entgegen. Er legte eine Blitzkarriere im Verein hin, die ihresgleichen sucht. Er konnte sagen und meinen was er wollte, ein Mann ein Wort. Er machte einfach alles richtig. Einem solchen Kerl traut man alles zu, auch wenn sich manche Fans ob seiner steilen Karriere im Vereinsbusiness doch etwas verwundert die Augen rieben.

Es ist Hitzlsperger kaum zu verdenken, dass er sich denen gegenüber absolut loyal verhält, denen er letzten Endes seinen kometenhaften Aufstieg bis hin zum Vorstandsvorsitzenden zu verdanken hat. Leider auch in diesen etwas prekären Fällen, in denen manche seiner Förderer mutmaßlich auch Dinge zu verantworten haben, die sich normalerweise keinesfalls mit seinem ansonsten nach außen dargestellten Selbstverständnis vereinbaren ließen. Er stellt diese Loyalität selbst über die zu den Mitgliedern dieses Vereins, die zurecht eine Aufklärung darüber verlangen, warum sie im Vorfeld zur Mitgliederentscheidung über die Ausgliederung zu bloßem, leicht zu manipulierendem Stimmvieh degradiert wurden. Der Missbrauch der persönlichen Daten zigtausender Mitglieder, die man vermeintlich alternativlos für eine beispiellose Beeinflussungskampagne zur Beförderung der Ausgliederung benötigte, ist durch gar nichts zu entschuldigen.

Die 700.000 Euro teure Aktion war keine Lappalie, wie sie heute von manchen dargestellt wird, sondern ein Vertrauensbruch sondergleichen. Die Verantwortlichen für diesen Skandal sollen und müssen die entsprechenden Konsequenzen der Aufklärung dieser Vorgänge fürchten. Dass nun Claus Vogt, der diese Aufklärung als gewählter Vereinspräsident und Aufsichtsratsvorsitzender der AG zur Chefsache erklärte und diese vorantreibt, von Hitzlsperger mit teilweise unverschämten und höchst spekulativen Vorwürfen zum Kontrahenten auserkoren wurde, darf niemand verwundern, der Hitzlspergers schnellen Aufstieg und seine Rolle im Gesamtgefüge der oberen Vereinsetagen kennt. Thomas Hitzlsperger befindet sich durch sein Ansinnen, nun auch noch das Präsidentenamt anzustreben, in einem klassischen, unlösbarem Loyalitätskonflikt, in dem er sich entscheiden muss. Zwischen seiner Loyalität zu denen, die ihn zu dem machten, was er heute im Verein darstellt und auf der anderen Seite seiner Loyalität zu den Mitgliedern und Fans, bei denen er als ehemaliger VfB-Spieler größte Hochachtung und Respekt genießt. Beides geht in dieser Situation nicht, ohne diesen Verein wieder in zwei Lager zu spalten. Eine Situation, die man auch dank Hitzlspergers Engagement längst überwunden zu haben glaubte.

Wie man die ganze Angelegenheit auch dreht und wendet: Hitzlspergers Affront gegen Vogt macht eigentlich nur mit den von manchen in den oberen Vereinsetagen befürchteten Folgen der Aufklärung des Datenskandals Sinn. Gefahr scheint im Verzug. Das einzige, was für die Gefährdeten dagegen zu helfen scheint, ist, die Aufklärung des Datenskandals zu diskreditieren, in dem man jenen diskreditiert, der sie federführend vorantreibt. Ihm ohne konkrete Beweisführung pauschal Unfähigkeit und Inkompetenz zu unterstellen, vereinsschädigende Profilierungssucht und mangelnde Teamfähigkeit sowieso, das gehört zu diesem infamen Handwerk. Dank Vogt stünde der Verein angeblich wegen überteuerter Aufklärungstätigkeiten der forensischen Anwaltskanzlei Esecon kurz vor dem Bankrott. Rumms! Ein Vorwurf, mit dem Hitzlsperger selbst den eigentlichen Grund seines provokativen Schreibens freiwillig oder unfreiwillig aufführte. Über Hitzlspergers Motivation zu so einem beispiellosen Vorgehen kann man nur spekulieren. Aber im Grunde gibt es nur zwei Szenarien.

Entweder ist er, wie in den letzten Wochen von vielen Fans spekuliert wurde, tatsächlich nur die Marionette der altbekannten Seilschaften des Vereins, die ihn mit dieser Schmähschrift ausgestattet als zukünftigen Präsidentschaftskandidaten sozusagen vorausschickten, um bei einem derart brüskierten Claus Vogt so etwas wie einen resignierenden Rücktritt zu provozieren … oder aber, der ehemalige Fußballprofi Hitzlsperger handelte eigenmächtig, ist selbst vollkommen überzeugt von dieser Vorgehensweise und sieht sich in Sachen Präsidentenamt und dem Führen von Vereinsgeschäften dieser Größenordnung dem erfahrenen Unternehmer Claus Vogt tatsächlich um Längen überlegen. Wer in Hitzlspergers Alter mit vergleichbarer Vita so von sich selbst eingenommen aus eigenen Stücken die Chuzpe hat, seinem selbsterwählten Kontrahenten Claus Vogt in Sachen Kompetenz so ziemlich alles abzusprechen, was ihn selbst dagegen auszeichne, der muss auch mit einer ganz anderen Einschätzung umgehen können. Kognitionswissenschaftler bezeichnen solche Wahrnehmungsdiskrepanzen gern als „Dunning-Kruger-Effekt“. Dazu gehören die offensichtliche Neigung, die eigene Kompetenz zu überschätzen, Fähigkeiten anderer nicht (an-)zu erkennen und die eigenen Kompetenzmängel nicht wahrzunehmen, was in vielen Lebenssituationen zur maßlosen Selbstüberschätzung beim Denken und Handeln führt.

Unabhängig davon, welches Szenario der Realität am ehesten entspricht, keines davon adelt Hitzlsperger in irgendeiner Form. Und auch in Zeiten des nun gewahrten Burgfriedens löst sich ein auf diese Art und Weise hochbeschworenes Problem nicht von selbst. Die mutmaßlich erwartete Exit-Strategie durch einen schnellen Rücktritt Vogts ist keine Option mehr. Das wird Vogt nicht tun. Dem Vereinsbeirat über die Auswahl der zur Präsidentenwahl geeigneten Kandidaten die Lösung dieses Problems zu übertragen, das wird ebenso wenig fruchten. Der Beirat steht bei den Mitgliedern im Wort, die Präsidentschaft Vogts nicht nur als Interimslösung zu betrachten, sondern das Mitgliedervotum auch für die Zeit darüber hinaus zu interpretieren. Das schließt eine Nichtnominierung Vogts zur Wiederwahl praktisch aus. Zudem wurde stets Wert darauf gelegt, dass ein gewählter Vereinspräsident neben dem Aufsichtsratsmandat keinesfalls auch eine führende Rolle im Vorstand zugestanden wird. Wegen Checks and Balances, und so!

Was zum Henker wollte Hitzlsperger dann mit seinem Pamphlet eigentlich erreichen? Er täte gut daran, zu erkennen, dass er sich selbst damit in eine unmögliche Position manövriert hat, aus der er nur schwer wieder herauskommt. Das erfordert ein gewisses Maß an Reflexion und Selbsterkenntnis. Und den Mut, zu einem Fehler zu stehen. Was ja angeblich "unter Männern" keine allzu leichte Übung darstellt. Mach es trotzdem Hitz, für Dich und auch für die Mitglieder und die Fans des Vereins. Sie werden dich dafür belohnen.

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